Der nachstehende Bericht befaßt sich mit den 120 000 ehemaligen Kriegsgefangenen in Frankreich, den 7000 in Belgien und 16 000 in England. Neuerdings unterzeichneten auch Kriegsgefangene in Jugoslawien Arbeitsverträge von drei bis fünf Jahren, –

Eine Erinnerung: Auf der 850-Meter-Sohle einer Kohlengrube in La Louvière, einem kleinen Ort in der Nähe von Charleroi, arbeiteten vor zwei Jahren zum ersten Male deutsche Kriegsgefangene gemeinsam mit belgischen Bergleuten in einer Schicht. In der halbstündigen Mittagspause, – die Deutschen hatten sich unweit der Belgier niedergesetzt – entwickelte sich beim Schein der Grubenlampe folgendes Gespräch: „Diese sales boches“, sagte Jaques Goudi so laut, daß es die Deutschen hören müßten. Die Deutschen sagten nichts und schwiegen auch noch, als sie wieder gemeinsam mit den Belgiern in dem nur 70 Zentimeter hohen Stollen vor Kohle schwitzten. Als die Schicht zu Ende ging und die Mannschaft im Förderkorb stand, packten die Belgier ihre übriggebliebenen Brote aus und gaben sie den Deutschen. „Wir sind alle arme Teufel“, sprachen sie, „ihr und wir!“

Das war 1946, als 35 000 deutsche Kriegsgefangene in belgischen Kohlengruben Frondienste leisteten. Den meisten fiel, die Arbeitschwer, weil sie ungewohnt war, und mancher konnte vor Auszehrung nur ungenügend beweisen, daß er willens war, das Seinige zu tun. Weil die belgischen Betriebsführer jedoch das Geschäft im Sinn hatten und ohne Ressentiment waren, erkannten sie bald gute Anfänge bei den fremden Arbeitskräften und intervenierten bei den Militärs. Die Verpflegung wurde besser, und nach einem halben Jahr wurden die Deutschen lohnmäßig den Belgiern gleichgestellt. Die ausländische Hilfsorganisation, der YMCA, konnte es zu Weihnachten 1946, als selbst in Belgien die meisten Lebensmittel rationiert waren, erreichen, daß die Kriegsgefangenen für ihren Lohn Lebensmittel an ihre Angehörigen sckicken durften. Bis heute sind über 120 000 solcher Lebensmittelpakete in alle vier Zonen Deutschlands gesendet worden.

Preußische Spielereien?

„Warum stehen die Stempel so wahllos? Weshalb steift ihr die Schächte und Stollen so miserabel ab?“ So fragten die Deutschen, unter denen schließlich auch Fachleute waren, Männer, die nicht nur mit der Faust, sondern auch mit dem Kopf zu arbeiten gewohnt waren. „Wollt ihr preußische Spielerei?“ erwiderten die belgischen. Arbeiter. Sollte es wirklich „preußische Spielerei“ gewesen sein, daß heute beinahe in jeder Grube die Stempel planmäßig ausgerichtet stehen? Die Förderstatistiken zeigen, daß, seitdem diese „Spielerei“ in Mode gekommen, die Produktion weiter erhöht werden konnte, denn nun rollen die „Hunde“ reibungslos nach hinten zum „Füllort“, und von den vielen Verzögerungen und Störungen, die früher Stunden fraßen, ist nichts mehr bekannt. Doch nicht nur im Bergwerk haben die deutschen Freiarbeiter sich bewährt. – In einem nordfranzösischen Steinbruch quälten sich fünf einheimische Arbeiter Tag für Tag, die beladene Lore langsam auf der Gefällebahn ablaufen zu lassen, um sie dann auf der Drehscheibe dem Hauptgleis zuzuführen. Die fünf legten sich mit aller Kraft ins Zeug, stemmten sich gegen die Last, bremsten den Wagen. Heute sitzen zwei Freiarbeiter neben der Drehscheibe im Gras und hantieren von hier aus die Seilwinde, über die sie mühelos die Lore ablaufen lassen. „Köpfchen!“ sagte der frühere Dresdener kaufmännische Angestellte. Es sind keine großen Erfindungen, die gemacht wurden, aber doch überall kleine Vereinfachungen. und Verbesserungen; und wer von den Einheimischen fair genug ist und etwas von der Sache versteht, gibt zu, daß die Deutschen manchen Betrieb Haben rationalisieren helfen.

Die unvergessene Heimat

„Damals, vor einem Jahre noch, hatten wir Deutschen allen Grund, uns um den Erfolg der Wiener Sängerknaben bei ihrem ersten Auftreten in Brüssel Sorgen zu machen“, sagten die Freiarbeiter, die wir im Foyer des Brüsseler Palais des Beaux Arts sprachen. Ihr Fremdenpaß gewährt ihnen ausnahmslos die gleichen Rechte wie den Belgiern. Sie besuchen Theateraufführungen und Konzerte. So auch jetzt, da sie erzählen: „Vor einem Jahr noch, als die Wiener Sängerknaben hier waren, haben wir uns im großen Saal verborgen halten müssen; Tränen standen uns in den Augen, als ein zehnjähriger Junge in seinen blauen Matrosenhosen und seiner weißen Bluse der Menge auf Deutsch sagte: ‚Wir singen jetzt das Wiegenlied von Brahms!“ Und dann Wangen die herrlichen Jungenstimmen in der eignen Sprache. Ein endloser Jubel; kein Beifall mehr, nein, richtige Begeisterung.“ – In Belgien wird es niemand leugnen, daß es auch der Haltung und Leistung der deutschen Freiarbeiter zuzuschreiben ist, daß man die Wiener Sängerknaben auch diesmal wieder. holte und sie nun auch in diesen Weihnachtstagen in Kortrijk, Charleroi, Malmédy, Liège, Spa und Luxembourg sirgen ließ. Übrigens braucht man sich heute nicht mehrscheu umsehen, wenn Deutsch gesprochen wird.