Der Traum einer neuen „Sommernachtstraum“-Musik ist längst ausgeträumt, der einer neuen „Peer-Gynt“-Musik dagegen Wirklichkeit geworden. Diese neue Musik, die jetzt bei einer Peer-Gynt-Inszenierung in Oslo zum ersten Male, erklang, bildet mit dem von Henrik Rytter ins Neunorwegische übertragenen Ibsenschen „Peer“ eine untrennbare Einheit.

Fälle das Umgewöhnen hier schwer? Ist die Preisgabe der unverwüstlich erscheinenden Griegschen Musik zu beklagen? Sie bleibt „der Nachwelt unverloren während dem Drama in Harald Saeveruds durchgeistigter Klangkunst eine gänzlich neue Atmosphäre, ein Tonmilieu von fast ätherischer Transparenz geschenkt wird, Musikneuland, das die Phantastik, das Draufgängertum, die Leidenschaft des Peer Gynt umfängt und mit seinem Wesen zutiefst verwandt ist. Was hier in der Gesamtheit des szenischen und musikalischen Eindrucks geschaffen wurde, unbeschadet der traditionellen Gültigkeit der Synthese Ibsen–Grieg, ist eine Bereicherung des Theaters um das Element bestehender Faszination und starker Vergeistigung. Arne Walentin, den Gestalter der Bilder, muß man neben dem Inszenator Nilsen als vierten Mitwirkenden an dieser Erneuerungstat namhaft machen, durch die das Norske Teatret in Oslo eine außergewöhnliche Leistung vollbrachte.

Die Reinheit des Originals wurde in dieser Aufführung immerhin wiederhergestellt, als einigen mit der Zeit verunklarten Typen und Szenen ihre von Ibsen gewollte Natürlichkeit wiedergegeben wurde. Mit den Jahren immer tiefer in die Sentimentalität abgeglittene Momente wurden von ihrer pseudoromantischen Staubschicht gereinigt. Ein völlig neugeborener „Peer Gynt“ steht vor uns, von der Idee, vom Kernhaften her erschaut, nicht mehr vom Theatralischen, Spukhaften. Aus Holz geschnitzt, in der Art, wie Frans Masereel seine Gedanken formt, so mag sich Harald Saeverud vielleicht seinen Peer Gynt vorgestellt haben. Diese suchende, „unvollendete“ Musik gleicht dem Wesen Peer Gynts. Horn und Oboe geleiten das stille Lied der Solveig. Ase stirbt musikverlassen, nicht unähnlich der Melisande Debussys. Aber vor dieser Sterbeszene heben Solovioline und Klarinette ein ververinnerlichtes Zwiegespräch an, als ob sie Künder grenzenloser seelischer Verlassenheit sein wollten. Anitras Tat wirkt durch seine abstoßende erotische Niedrigkeit wie durch die Echtheit orientalischer Rhythmik triebhaft-prall. Hier die in Farbe und Leben kaum je mit solcher Überzeugungskraft erlebten Bildvisionen, dort die altnorwegischen Gemälden entlehnten Trachten, da die regielichen Tricks der Irrenhausszene mit dem grausigen Verdeutlichen des Erhängens –: überall schimmern neue Einfälle auf. Hans Jacob Nilsen, Titelheld und Regisseur (als alter Peer in der Maske seines Dichters), ist der geistige Urheber dieses Triumphs norwegischer Theaterkunst.

Gerhard Krause