Ungarns katholische Kirchenglocken läuten seit bald einem halben Jahr nicht mehr. Und die Aussichten, daß sie zwei Drittel der Bevölkerung wieder zur Andacht rufen werden, sind heute geringer als je zuvor. Denn Josef Mindszenty, der ihnen Schweigen befahl, bis seine Kirche im Lande ihre volle Freiheit zurückerlangt habe, sitzt hinter Kerkermauern. Mit der Verhaftung des Kardinals und Fürstprimas von Ungarn hat sich die Prophezeiung des Unterrichtsministers Rakosi erfüllt: "Die Faust der Demokratie wird jeden treffen, der ihre Gesetze mißachtet." Die letzte Phase in der Gleichschaltung auf dem Balkan hat begonnen. Der "gefährlichste Gegner", wie Schdanow einmal Mindszenty nannte, wurde beseitigt – aber ein Märtyrer geschaffen; und eben das ist ein Schritt, den bisher die inzwischen vom Vatikan exkommunizierten Häscher sorgfältig zu vermeiden suchten.

Der verhaftete Hausherr des barocken, goldüberladenen Palastes vor den Toren Budapests ist eines der dreizehn Kinder des Arbeiters Pehm, eines Mannes schwäbischer Herkunft, und nahm erst 1937 als päpstlicher Prälat den etwas abgewandelten Namen seines Heimatdorfes Csehymindszent in Westungarn an. Er kannte niemals einen Kompromiß. Wer ihn nicht liebte, haßte ihn. Die Gestapo sperrte ihn 1944, als er die Bischofsmitra erhielt, vier Wochen ins KZ. Nach seiner Berufung zum Fürstprimas 1943 war der kleine zähe Mann mit dem groben Gesicht und der zerschlissenen Soutane stets Mittelpunkt jeder freiheitlichen Opposition gegen das kommunistische Regime. Und mit der gleichen Würde, die er in seinen schonungslosen Hirtenbriefen gegen die Verstaatlichung der konfessionellen Schalen wahrte, mischte er sich oft als "Harun al Raschid" in einfacher Priesterkleidung unter das Volk, fragte es nach seinen Sorgen und Nöten, um, wenn es möglich war, bereits am nächsten Tage Abhilfe zu schaffen.

"Auf dem Wege zur Demokratie in Ungarn", so schrieb Präsident Scakasits vor zwei Wochen, "muß vor allem das Hindernis beseitigt werden, das Kardinal Mindszenty darstellt." Das ist nunmehr geschehen. Spätestens im Februar wird der Kirchenfürst unter der Anklage des Hochverrats, der Spionage und des Devisenvergehens vor einen Volksgerichtshof in Budapest gestellt werden – schon vor der Verhandlung schuldig des schlimmsten Verbrechens, daß es im Herrschaftsbereich des Kominforms gibt: Er wollte sich nicht beugen. C. J.