Die Sensation des blockierten Berlin Ist "Ninotschka", Ernst Lubitschs vor beinahe zwölf Jahren gedrehter Film. Als vor über einem Jahr die Spannungen zwischen den ehemaligen Alliierten stärker wurden, brachten die Russen mit Simonows "Russischer Frage" einen politischen Offensivton auf die Bretter des "Deutschen Theaters", der den gekränkten Amerikanern schon damals nahelegte, ein Gegenstück zu starten. "Ninotschka" wurde von den wenigen Wissenden getuschelt, die den Film während der tausend Jahre irgendwo in heimlicher oder inoffizieller Aufführung gesehen hatten. Man wußte, daß der Film auf seinem nun schon zwölfjährig gen Wege viel Malheur gehabt hatte.

Jetzt ist er auf dem Kurfürstendamm erschien nen und begegnet täglich mehrmals einem sehrauf geklärten Lächeln. Es ist wahrlich kein Kampffilm. Es gibt sogar Leute, die meinen, die Zustände, die er schildert, die Situationen und Menschen, mit denen er sie verknüpft, seien längst überholt. Es ist unwichtig, ob sie recht haben. Minder wichtig ist auch, warum der Filmzauberer Ernst Lubitsch sich seinerzeit dieses Sujet gewählt hat. Heute jedenfalls wirkt es in Berlin, der Stadt, die die massive Wirklichkeit einer wesentlich fortgeschrittenen östlichen Politik am eigenen Leibe spürt, nicht mehr als Anklage, sondern mehr als eine Erinnerung daran, wie die Dinge dort im Osten einmal begonnen haben.

Vielleicht sollte – so meint der nachdenkliche Berliner Betrachter von heute – dieser Film eine Satire auf die Dogmatik einer lebensfeindlichen Ideologie sein; doch er fühlt vor allem ein Bedauern über die Verarmung einer Gruppe von Menschen, die auszogen, die Welt zu verbessern und überall nur anderen Menschen begegneten, die den Verbesserungssüchtigen liebenswürdigüberlegen den inneren Reichtum eines Lebens in Freiheit und Schönheit zeigt. Sie wirken plump und stammen aus einem früheren Stadium ihrer Maschinerie, diese kommunistischen Staatsfunktionäre, die aus Moskau in das Paris der Lichter und Freuden kommen. Aber der Anachronismus gibt Anlaß, darüber nachzudenken, was inzwischen aus diesen ursprünglichen Revolutionsreisenden geworden ist.

Es hat keinen Skandal und keinen Lärm gegeben. Die sowjetisch lizenzierten Zeitungen schwiegen sich aus. Vielleicht sind sogar einige ihrer Parteigänger oder auch manche direkt Betroffenen in Zivil unter dem Publikum gewesen. Sie müssen mit gelächelt haben, denn in diesem Film lächelt und lacht ja zum ersten Male die Garbo. Man sagt, Lubitsch habe eben diese Chance, der Welt einmal die ewig sentimentale-Greta anders zu zeigen, gereizt, Wie sie als orthodoxe Kommissarin in einer Pariser Taverne Zu ihrem Lachen durchbricht, das ist freilich von einer Anmut des Einfalls und der Geste, die auf den ganzen Vorwurf abfärbt. Halt man dazu das Trio der russischen Handelsdelegierten, das zu einem amüsanten Wiedersehen mit Felix Bressart und Granach führt, dann ist der schauspielerische Rahmen eines Films abgesteckt, dem es gegeben ist, ein politiches Problem von unheimlicher Aktualität mit der Grazie des Verstehen? zu umkleiden. Bemerkenswert, daß eben in Berlin diese Melodie nicht abgesungen erscheint, sondern nun schon viele Wochen lang die düstere Atmosphäre der Befehle und Anordnungen durchklingt. Greta Garbo wird auch Hier nicht zur Konterrevolutionärin, aber sie öffnet sich der Stimme des Menschlichen. Wenn diese Stimme in "Ninotschka" Liebe heißt, so vertritt sie alle die vielen Spielarten des Menschlichen die drüben verdorren. K. W.