Noch ist die Benelux-Union nur eine gedankliche Konzeption. Man weiß wohl in den beteiligten Ländern, der belgisch-luxemburgischen Zoll- und Wirtschaftsunion und Holland, daß auf lange Sicht der Gedanke einer wirtschaftlichen Einheit in die Wirklichkeit umgesetzt werden muß, sollen die Beteiligten begründete Aussicht haben, in nachbarlicher wie europäischer und weltwirtschaftlicher Harmonie zu leben, aber vorläufig gehen die beiden Gebiete getrennte Wege. Es handelt sich hier weniger um Interessengegensätze. Diese werden – inoffiziell – eine Plattform tiefer ausgetragen. Vielmehr sind entscheidend die verschiedenen Auffassungen, wie die Wirtschaftsgemeinschaft erreicht werden soll. Bis 1952 soll sie Realität sein. Aber es besteht das Paradoxon, daß die katholisch-liberale Regierung der Niederlande plan wirtschaftlich, staatsinterventionistisch gesonnen ist, Belgiens sozialistische Regierung dagegen liberale wirtschaftspolitische Mittel bevorzugt. Folglich sind die Ansprüche, die man in Paris und Washington bei den Lieferungen aus dem ERP-Fonds stellt, grundverschieden. Belgien fordert wenig Dollar (250 Mill. $), die dazu noch hauptsächlich für das Europa-Clearing verwandt werden sollen (207 Mill. $), um den innereuropäischen Warenaustausch zu fördern; Holland beansprucht relativ viel Dollar (496 Mill. $) und wünscht darüber hinaus noch zusätzliches Geld (71 Mill. $) aus dem Europa-Fonds.

Das Konzept der Niederlande

Wie sieht es in den beiden Ländern aus? In Holland wird die ganze Skala uns wohlbekannter Maßnahmen angewandt: Ein stark aufgeblähter Beamtenapparat plant, reglementiert und kontrolliert die Produktion wie die Zirkulation und die Verteilung. Preiskontrolle im Binnen- wie im Außenhandel zwingt zum Festhalten der Löhne. Und dies führt wiederum zwangsläufig zur Rationierung. Gegen den Schwarzhandel werden Strafen angedroht und wird "Sauberkeit" gepredigt. Gleichzeitig wird eine Politik des billigen Geldes verfolgt, um rasch großzügige Investitionen, vornehmlich in Produktion und Verkehr, zu ermöglichen. Dies führt zu einer ständig inflationären Tendenz, da die bei den Neuerrichtungen verdienten Einkommen und Gewinne weder weiter investiert werden können, weil der entsprechende Bezugschein fehlt– nur für Arbeiten im "öffentlichen Interesse" wird er erteilt –, noch zu konsumieren sind, weil die Rationierung es verhindert. Der inflationäre Kurs erfährt darüber hinaus noch eine zusätzliche Stärkung von der Seite des defizitären Staatshaushalts, da zur Wahrung des Systems der gesatzten (d. h. künstlichen) Löhne und Preise die rationierten Lebensmittel sowie die Kohle subventioniert werden. 500 Mill. Gulden zahlt der Staat allein jährlich an Lebensmittel-Verbilligungsgeldern. Versuche, über eine starke Exportförderung zum Gleichgewicht zu kommen, sind bisher nur in schwachen Ansätzen gelungen, da die dazu notwendige Steigerung der Produktivität infolge des geringen Leistungsanreizes ausbleibt. Der Export überwiegt den Import so, daß der Gulden seit Kriegsende zu den weichen Währungen zählt und das Land sich zunehmend verschuldet. – Nun versucht man die ersten Ansätze, zu einem Gleichgewicht zu kommen: 340 Mill. hfl Subventionen sollen abgebaut werden; zum Ausgleich werden die Löhne entsprechend erhöht und eine Reihe Rationierungen beseitigt.

Ihre Politik verteidigen die Verantwortlichen mit den Argumenten, daß nach den Kriegsverlusten kein anderer Weg als die autonome Konjunkturpolitik offen gewesen sei, und daß man das soziale Moment nicht außer acht lassen dürfte. Die Gegner dieser Konzeption betonen nun aber, daß man das Gegenteil erreicht habe. Die geringe Produktivität als Folge des mangelnden Leistungsanreizes hindere die Steigerung des Exports und damit des echten Reallohns, abseits vorgeschriebenen Konsums. Durch das künstliche Lohn- und Preisniveau sei der Guldenkurt überhöht. Und die Abhängigkeit von Auslandshilfe führe dazu, daß das Vertrauen der Gläubigerländer in Hollands Politik immer mehr sinke. Mit der zunehmenden Verschuldung gegenüber den Dollarländern und dem belgischen Nachbarn bestände die Gefahr, daß die Kredite gesperrt werden könnten und der Zusammenbruch des jetzigen Kurses damit offensichtlich würde. Hollands offizielle Politik habe versagt.

Belgiens Weg in Europa

Der Wortführer dieser Anklagen ist die wirtschaftlich erfolgreichste Regierung Europas, die des belgischen Nachbarn, der in wenigen Jahren Partner innerhalb, der Benelux sein soll. Das Recht zur Kritik ist der belgischen Regierung zweifelsohne nicht abzusprechen. Denn Belgien kann seit Kriegsende Erfolge vorweisen, wie sie kein anderes europäisches Land zu verzeichnen hat: Belgien ist, abgesehen von partiellen Krisen, gesund. Weiter ist Brüssel Gläubiger Hollands mit mehr als 5 Mrd. bfr. (1 $ = 43,83 bfr.). Und der belgische Franc ist eine harte Währung geworden. Schließlich wollen in einer künftigen Wirtschaftsunion die Belgier die, Niederlande nicht subventionieren. Sie wissen, daß ein gesundes Land, das mit einem kranken Partner in einem Boot sitzt, schnell infiziert werden kann. Auch ist Brüssel an dem holländischen Partner als Absatzmarkt interessiert und verfolgt daher offenen Auges die übermäßige Investitionspolitik seines Nachbarn, so daß der Mann auf der Straße feststellt: "Mit unserem Geld bauen die Holländer Straßen, aber bezahlen tun sie sieht."

Belgien hatte seine überlegene Stellung durch Maßnahmen erhalten, die auf der Vorstellung basierten, daß nur mit marktwirtschaftlichen Mitteln die Kriegsfolgen zu überwinden seien. Das "belgische Wirtschaftswunder" beruht auf den folgenden Tatsachen: Frühe, also rechtzeitige Beschneidung des Geldüberhangs der Kriegszeit; Anpassung des Wechselkurses an das Weltmarktpreisniveau; aktive Geldpolitik der Regierung nach der Geldkonzentration bis zum Erreichen der Vollbeschäftigung, d. h. Politik des billigen Geldes; schnelle Befriedigung des binnenländischen Konsums durch starke Importe, woraus der Export nach Sättigung des heimischen Marktes von selbst erwuchs; geringe Zerstörungen zu Kriegsende; Aktiv-Saldo im Pacht-Leih-Verfahren, also Dollarguthaben in Höhe von fast 100 Mill. zu Kriegsende; schnelle Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen mit der Kongo-Kolonie, die infolge ihres Uran-Reichtums den belgischen Besitzern große Gewinne einbringt; schneller Abschluß günstiger Anleiheverträge mit den USA, Kanada, Schweden und der Schweiz zur Finanzierung des Imports; deflationäre Geldpolitik im Innern nach Erreichen der Vollbeschäftigung und der zeitlich damit zusammenfallenden Ausgeglichenheit der Zahlungsbilanz und des Staatshaushalts durch starkes Zurückschrauben der Staatsaufgaben.