von John Walter

Es scheint nicht so, als ob die "chinesische Mauer", die Westdeutschland umgibt, bald Tore ins Ausland, ins Freie erhielte. Drinnen drangen sich die Menschen, von denen mancher draußen eine Lebensmöglichkeit fände, standen dem nicht Verbote, Verordnungen entgegen. Die legalen Möglichkeiten der Auswanderung sind sehr gering. Daher nehmen junge Leute immer wieder das abenteuerliche. Wagnis auf sich, die Blockade um Deutschland-illegal zu durchbrechen. Hier schildert einer von ihnen, dessen Versuch scheitern mußte, seine Erlebnisse, die uns zumal deshalb bedeutsam erscheinen, weil sie uns zeigen, welche Rolle der Deutsche in den Augen der Umwelt spielt und welche Chance man ihm heute gibt. So gut wie keine Rolle, so gut wie keine Chance, Immerhin, jüngst drang ein deutsches Segelboot bis Argentinien vor. Es wurde nicht zurückgesandt.

Von Pontius zu Pilatus war ich -gelaufen. Immer wieder hatte ich die Frage gestellt, ob denn um Himmels willen niemand wüßte, wie man heraus aus Deutschland käme, wo für unsereinen, der in seinem Beruf Arbeit sucht, kaum eine Möglichkeit existiert. Keine Möglichkeit! Ich sah das Schicksal meiner Generation –: Volksschule, höhere Schule, Abitur, Kriegsdienst und nichts weiter. Immerhin hatte ich gelernt, ein Schiff zu steuern. Dies ist durch die langen Jahre des Krieges sogar eine gründliche Ausbildung gewesen. Was aber soll man mit diesen Kenntnissen tun? Wenn man wenigstens, da man uns schon die Schiffe nahm, die deutschen Seeleute auf fremden Schiffen fahren ließe! Wir wissen genau, daß im Auslande Seeleute fehlen. Man gebe uns doch eine Chance! – Meine Freunde rieten mir gelegentlich, es mit dem Studium zu versuchen, mit irgendeinem Studium. Doch die Universitäten sind ohnehin überfüllt, und ich habe kein Geld. Was habe ich denn? Gesundheit und die Tugend, vor nichts Angst zu haben; wenn das eine Tugend ist. –

Die Welt ist weit. Es müßte sich doch draußen ein Job finden lassen, auf einem fremden Schiff, auf einer fremden Farm, gleichgültig wo. – Gerade hatte der X-Tag meine letzten Ersparnisse in Nichts zerrinnen lassen, als ein Freund die eilige Frage stellte: "Willst du nach Afrika segeln? Es ist ein Schöner, und du kannst als Steuermann einsteigen. Aber entschließe dich schnell. Es geht in zwei Tagen los."

Meine ersten und letzten D-Markbeträge wurden so angelegt, daß ich ein Taxi mietete, um. möglichst schnell an Bord zu kommen. Der Schöner lag in Travemünde. Er war nicht mehr der Jüngste, und doch –: welch lieblicher Anblick! Ein Schoner von rund 170 qm. Mein Herz klopfte, als ich an Bord ging. Die Segel waren angeschlagen, kleine Deckslasten und ein Rettungsboot seefest gezurrt. Viele Worte wurden nicht gemacht. "Ich bin ein alter Afrikaner", sagte der Eigentümer. Manches graue Haar zierte sein Haupt. Obwohl er sein Leben in Afrika verbracht hat, verriet seine Sprache Spuren des holsteinischen Dialekts. "Nach Afrika geht’s; wir wollen heim auf unsere Farm bei Arusha ..."

Der Schoner, der da im Hafen von Travemünde lag, kam mir wie eine Bühne vor, auf der sich Außergewöhnliches abspielen würde. Dies nun waren die handelnden Personen:

Der Schiffseigner S., der "alte Afrikaner eher klein als mittelgroß und trotz seiner 74 Jahre energisch, drahtig. Es ist möglich, daß man ihn in gewissen Teilen der Welt zu den interessantesten Menschen rechnet. Er war in jungen Jahren als Tierfänger für Hagenbeck nach Afrika gegangen und hatte sich selbständig gemacht. Spezialist für den Fang von Nashörnern und in dieser Spezialität Lieferant für die zoologischen Gärten der ganzen. Welt. Er erzählte von Giraffen, die er vom Pferde aus mit dem Lasso fing. Er hatte alsTierfänger größere Erfolge als irgendeiner und besaß schließlich eine eigene Farm bei Arusha. Obwohl der Krieg und die Nachkriegsjahre ihn in Deutschland festgehalten hatten, sagte er: "Die Farm besitze ich noch!"