Die Landesregierung Rheinland-Pfalz hat die Fortuna in Dienst genommen. Der Ministerpräsident in Koblenz kam darauf, sie zu engagieren, als er in Justus Mosers "Patriotischen Fantasien" das folgende las: "Verhandelt sich nicht das Geld, was die Untertanen beim Glücksspiel verschwenden, in einen nützlichen Beitrag, wenn er zur allgemeinen Wegebesserung verwendet und denjenigen, die es ausgeben, gleichsam wieder vor die Tür gebracht wird?"

Der weltgewandte und menschlich ungewöhnlich sympathische ehemalige Direktor der Zoppoter Spielbank, Richard Förster, erhielt die Konzession, mit der verführerischen Dame Fortuna in Bad Neuenahr das Spiel zu beginnen, jetzt schaut des Försters Töchterlein in Bad Neuenahr zum Fenster hinaus, lockend und werbend, und tut es vorwiegend zu dem Zweck, dem jammernden Finanzminister, der die höchsten Besatzungskosten aller westdeutschen Länder aufzubringen, hat, etwas unter die Arme zu greifen, oder ihm, wie man auch sagen kann, auf die schwachen Beine zu helfen. Die blinde Dame "jeut" für die allgemeine Wohlfahrt; sie habe, so wird einem gesagt, eine ausgesprochen soziale Funktion und entlaste das Finanzamt, das sich vielleicht demnächst um D-Mark-Hortungsgewinne kümmern muß. Siebzig Prozent ihrer Bruttoeinnahmen bekommt die öffentliche Hand. Seit dem 15. Dezember wird in Bad Neuenahr an sechs Tischen Roulette, an drei Tischen Bakkarat gespielt. Mit "Systemen", List, Mystik, Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Zufall und einem Schuß Magie. Die Atmosphäre ist erregend, die Luft knistert vor Spannung, die Banknotenbündel sind dick, und die ruhigen Rufe der Croupiers aufreizend und faszinierend. Elegant und modern sind die neueingerichteten Spielräume: Grüner, Roter, Kupfer-, Bilder- und Goldsaal; Restaurant, Bar und Musik fehlen nicht. Personen unter fünfundzwanzig Jahren haben keinen Eintritt. Sportanzug, ab siebzehn Uhr nicht gestattet.

Die Croupiers sind tüchtige Leute, verstehen sich auf Rechnen, Courtoisie, tadellosen Umgang und Sprachen. Wie sie alles handhaben, ist verblüffend. Wahre Souveräne sind die alten Croupiers aus Zoppot und Baden-Baden. Die neuausgebildeten sind, weil sie gute Umgangsformen und manuelles Geschick mitbringen müssen, ehemalige Friseure, Kaufleute, Oberkellner und – Offiziere. Ein Generalstabsmajor ist darunter. Er schlägt Schlachten, am Roulette; großartig, wie er sie schlägt.

Ein Mann stand neben uns, klein, kahlköpfig, rosigen Gesichtes. Der Mann kam, sah und siegte. Er vertraute, wie es schien, auf die Sterne. Im linken Mundwinkel, kauend, eine Zigarre. Er setzte fünfhundert D-Mark, die Scheibe rotierte, die weiße Kugel lief, der Atem stand einen Augenblick still. Die Zigarre, Komponente seines Herzschlages, wanderte in den anderen siebentausend Er gewann, beim ersten Einsatz, siebentausend D-Mark. Und tat das Vernünftigste: Er spielte nicht mehr. "Wieso?" sagte er uns, "ich vertraue auf meine astrologische Konstellation. Bei den nächsten Spielen würde ich verlieren." Er war ein Konservendosenfabrikant aus dem Allgäu.

Viele spielen, sehr viele. Die meisten glauben nicht an Zufall, viele zäumen das Glück von hinten auf, sie helfen ihm mit der Mathematik nach. Sie notieren auf ihren Blocks, die nachher wie Fieberzettel aussehen, und errechnen sich "todsichere" Tips, die sie hüten wie ein Fabrikgeheimnis. Sie notieren "Serien", "Permanenzen". Trotzdem bliebe zu sagen: Fortuna ist blind. Oft genug vermasselt sie den Mathematikern alle Berechnungen.

Eine Dame saß da, kräftiges "make up", fünfzig etwa, etliche blitzende Ringe an den Fingern, etwas sehr korpulent, viele Chips vor sich, ein Haufen Hunderter dazu. Verwandelt und verklärt saß sie da. Nur die Kugel interessierte sie. Sie verlor, gewann, verlor, gewann. Die Gier nach dem inneren Abenteuer stand in ihren Augen. Was waren tausend D-Mark? Ab damit!

Männer saßen da, Gesichter wie Asketen, Männer von Fünfzig, Männer von Siebzig. Saßen, notierten, setzten. Unnachahmlich, mit welcher Geste sie setzten. Unnachahmlich, wie sie Verlust und Gewinn zur Kenntnis nahmen. Alles war ihnen geläufig. Kleinbürger standen rundum, ängstlich, brav, Kaufleute, sehr gewitzte. Ob welche ans Finanzamt dachten? Es war fast eine sakrale Handlung, wie sie setzten. Spielratten saßen da, die nicht zum ersten Male in einem Spielkasino saßen. Verarmte Aristokraten? Schwarzhändler? Nachkriegsabenteurer? Wer wollte es wissen! Spielkasino-Klima ringsum. Große Weit ringsum! Große Welt? Einer flüsterte, daß an diesem Abend und in dieser Nacht, eine Million D-Mark umgesetzt wurden.