In der Nähe meiner Wohnung liegt ein Sträßlein mit friedlichen Siedlungshäusern und kleinen Gärten, durch das ich dann und wann – meinen abendlichen Spaziergang mache. Hätte ich die Macht, Straßennamen zu vergeben, so wurde, ich es "Poetengang" oder "Philosophenweg" nennen. Immerhin konnte man mit dem Namen "Erzbischof Siegfried – Straße" zufrieden sein, auch wenn man von Hoch wurden Siegfried im einzelnen nichts wußte. Das Dritte Reich, immer bemüht, seinen Aufnordungsgelüsten Geltung zu verschaffen, machte das Wort "Erzbischof" auf dem Straßenschild mit zwei roten Diagonalstrichen ungültig, wodurch es allen, Spaziergängern und Anwohnern, klar wurde, daß die Straße die nächsten tausend Jahre "Siegfried-Straße" zu heißen habe. Als das Dritte Reich angetreten war, hoffte ich auf Wiederherstellung des alten Namens, was durch Entfernung der roten Striche unschwer zu bewerkstelligen gewesen wäre. Aber siehe da, eines Tages war das Straßenschild verschwunden, die Anwohner wußten tagelang nicht, ob sie nun in der "Erzbischof-Siefried-Straße" oder in der "Siegfried-Straße" wohnten, Ich taufte den Weg für meine Person im Stillen "Sträßlein Namenlos", aber dann über Nacht hat er wirklich einen ganz neuen Namen erhalten, funkelnagelneu. Ich habe ihn bereits vergessen....

Eine anderer Straße, ebenfalls in meiner Nähe, führt den keinem Regime anstößigen Namen "Holunderweg". Das Merkwürdige daran ist nur, daß sie von oben bis unten und auf beiden Seiten mit Birken bestanden ist. Sind die Holunderbäume eingegangen, als man den Taufakt schon, vollzogen hatte? Oder sollte die Baumschule des Gartenbauamts etwa das falsche Beet erwischt haben?

Nach welchen Gesichtspunkten werden denn Straßen überhaupt benannt? Die Gegend zwischen den Hamburger Stadtteilen Uhlenhorst und Barmbek führt lauter höchst erlauchte Straßennamen, aber weder die "Bachstraße" noch die "Mozartstraße" sind jemals ihrer Namen würdig gewesen. Natürlich läßt sich die Entwicklung einer Groß-– Stadt nicht voraussehen Und wenn auch die Straßen Hamburgs im allgemeinen durch ihre originellen Benennungen die Fremden überraschen und erfreuen, so können sich die Stadtväter hier wie anderswo gar nicht genug Mühe geben, zu verhindern, daß Straßen ihrem Namen geradezu Hohn sprechen. Die Zerstörungen des zweiten Weltkrieges abgerechnet, dürfte eine Schillerstraße zwar nach faulen Äpfeln duften (weil Schiller gerne an solchen roch), keinesfalls aber nach den sonstigen Abfällen unserer verteufelten Zivilisation; eine Tieckstraße dürfte nicht eine trostlose Steinschlucht sein, sondern müßte ein klein bißchen daran erinnern, daß der Altvater der Romantik ehemals das schöne Wort "Waldeinsamkeit" erfunden hat. Wenn die Namensgebung für Straßen nur eine leere Geste bleiben soll, dann ist mir die Straßenmathematik Mannheims, die nur aus Zahlen besteht, schon lieber, denn sie ist wenigstens ehrlich.

Um das Kapitel der Umbenennungen noch einmal aufzunehmen: in dem pommerschen Städtchen Stolp gab es (und gibt es vielleicht noch) eine "Paradiesgasse"; die Parallelstraße dazu hieß ursprünglich die "Höllengasse", wurde aber, als die Bewohner gegen ihre Verdammung schon in dieser Welt protestierten, in "Höhlengasse" gemildert. Das ist eine Umbenennung, die gesunden Bürgersinn verrät und wert ist, in den Annalen der Stadt aufbewahrt zu werden. Wenn Hamburg kürzlich seinen uralten und wohlvertrauten "Pferdemarkt" in "Gerhart-Hauptmann-Platz" umtaufte, so scheint es, daß man höheren Orts plötzlich seine musische Verpflichtung erkannt hat. Aber in dieser Stadt, in der man gern konservativ ist, vermag man noch weniger als anderswo zu glauben, daß Straßennamenrevolutionen eine neue und bessere Zeit heraufzuführen vermögen.

Gelobt sei jener Leipziger Straßenbahnschaffner, der die Südstraße, die 1933 in Adolf-Hitler-Straße und 1945 in Karl-Liebknecht-Straße umgetauft wurde, zur Erheiterung seiner Fahrgäste als "Adolf-Südknecht-Straße" ausrief. Eine Stadtverwaltung, die diesen Namen amtlich machte, und ein Regime, das sein verschmitztes Ja und Amen dazu gäbe – das erst würde eine echte und wahrhafte Tat freiheitlicher Gesinnung bedeuten! Herbert Scheffler.