Von Peter Lücken

Es gibt zweierlei weißes Gold. Das eine ist für schöne Frauen bestimmt, die hochkarätige Gold-Platin-Legierung Doriko, für gewöhnliche Sterbliche in Deutschland unerreichbar. Das zweite ist dafür so reichlich vorhanden, daß es der Landwirt auf seine Felder streut. Es ist Kali. Für Goldgräber war in Deutschland nie viel zu holen. Was an purem Golde jährlich aus dem Bleiglanz des Harzer Rammeisbergs bei Goslar mühsam gewonnen wird, trägt ein Mann bequem im Koffer weg, es ist rund ein Zentner nur. Zum Trost, und um unseren wirklichen Schätzen rechten Glanz zu Verleihen, wurde die Kohle zum "schwarzen" und das Kali zum "weißen Gold" befördert. Bei der Kohle ist das klar, alles dreht sich am sie, leider auch zu sehr die hohe Politik. Wer aber weiß außer den Beteiligten schon viel vom Kali?

Dabei stellt es unser zweitgrößtes Nationalvermögen dar, erst nach ihm kommen die Erze. Wer über Hannover und Lehrte gen Hildesheim fährt, der rollt über einen Teil der gewaltigen Salzlager. hinweg, die das große Binnenmeer in Nord- und Mitteldeutschland hinterlassen hat. Damals, als noch subtropisches Klima herrschte und heiße Winde aus dem Osten kamen, rund 500 Millionen Jahre vor Erfindung der Atombombe. Bis vor einem Jahrhundert war Kali ein Abfallprodukt bei der Kochsalzgewinnung und wurde als wertloses Zeug weggeworfen. Dann wurde zufällig in Staßfurt sein Wert als Kunstdünger erkannt. Justus von Liebig war es, der nicht nur den Fleischextrakt erfand, sondern auch mithalf, die Kunstdüngerindustrie ins Leben zu rufen die einst die erste Geige auf dem Weltmarkt spielte. Ihm verdanken wir gleichfalls die: Erkenntnis, daß Pflanzen und Menschen nach demselben Gesetz vom Nährstoffminimum leben, demzufolge die Nährstoffe im richtigen Verhältnis gegeben werden müssen und beider Gedeihen anhängig ist vom geringsten Teil. Seitdem, wurde der Stallmist immer stärker durch die Kunstprodukte Stickstoff, Kali, Phosphorsäure und Kalk verdrängt. Was die Vitamine für den Menschen sind, ist also das Kali für die Pflanze. Es hat die wichtige Aufgabe, aus der von den Blättern gelieferten Kohlensaure und dem Wasser der Wurzeln die Kohlehydrate herzustellen und umzubilden; das sind Starke und Zucker. Alle Hackfrüchte, besonders Kartoffeln, sind starke "Kalifresser", dreifach stärker als Getreide. Eine intensive Landwirtschaft, wie Deutschland sie betreiben muß, läßt sich nur durchführen, wenn die Nährstoffe wieder ersetzt werden, die die Pflanzen aus der Erde geholt haben. Alles andere ist Raubbau und gefährdet die Ernährung. Gute Düngung kann die Ernte um die Hälfte verbessern.

Mangel an Kunstdünger ist bekanntlich noch eine Weltkrankheit. In Westdeutschland kann diese Krise als überwunden gelten, obwohl Kohlensorgen, Transportmenge! und Lagerschwierigkeiten "zeitlich beschränkte Engpässe" schaffen. Die Währungsreform hat auch hier Wunder gewirkt. Vor dem 20. Juni sah man im Kalibergbau reichlich "frostige Mienen" – trotz der Sonderzuteilung an Schnaps. Unzureichende Produktion wegen abgenutzter Maschinen, schlechte Arbeitsleistung unzufriedener Bergleute infolge niedriger Löhne und Kalipreise, die nicht entfernt die Gestehungskosten deckten, waren die Gründe. Seit der Preiserhöhung um insgesamt 70 v. H. und der dadurch ermöglichten Lohnsteigerung um knapp 30 v. H. klingt das "Glück auf!" wieder fröhlicher. Man hat das Gefühl, daß es langsam wieder bergauf geht. Mit Ausnahme der Phosphorsäure hat Frankfurt alle Düngemittel aus der Bewirtschaftung genommen. Nur scheint es, daß sich das Problem ins Gegenteil verkehrt. Bekam der Bauer vordem für seine Reichsmark kaum genügend Kunstdünger, am schwierigsten Kali, und mußte er oft kondensieren, so hat er jetzt zuwenig D-Mark, die angebotenen Düngemittel, vor allem Stickstoff, bezahlen zu können. Das Ganze ist auf beiden Seiten zu einem Kreditproblem geworden. Nur Kali ist weiter knapp und wird es vorläufig bleiben. Eine Tatsache, die zunächst befremden muß. Denn Deutschland lieferte vor dem Kriege drei Viertel der europäischen Produktion, allerdings mit Einschluß der elsässischen Gruben. Aber unsere restlichen Kalilager reichen noch für etliche Jahrhunderte. Wir können und möchten sogar exportieren, wenn ...

Und dieses große "Wenn" begleitet einen auf Schritt und Tritt im Reich des "weißen Goldes". Es geht zwar bergauf, aber zu langsam. Die Förderung steigt, aber nicht genügend, um die Marktspannung zu beseitigen. Die Hauptschuld trägt die Amputation der Kaliindustrie. Der Eiserne Vorhang hat auch Deutschlands unterirdische Schätze durchschnitten. Der Betriebsführer weist auf seine Spezialkarte: "Dieses riesige Kaligebiet, das sich hier von Staßfurt über das gesamte Magdeburger Becken bis Aschersleben, Vienenburg und Bernburg erstreckt, südlich über Thüringen tief in die Rhön greift und das wichtige Werragebiet einschließt, ist heute für die westdeutsche Landwirtschaft verloren. Die Werke sind in landeseigene Betriebe und in russische Kali-Aktiengesellschaften, also praktisch in sowjetische Staatsbetriebe umgewandelt worden. Die Staßfurter Gruben haben zwar ihre große Bedeutung längst verloren. Der Ausfall der für deutsche Begriffe ausgesprochenen Mammutwerke an der Werra ist jedoch nicht wettzumachen. Ihre Produktion wandert zum großen Teil ‚auf Reparationskonto‘ über die Grenze nach Osten. Die Zonengrenze zwischen Thüringen und Hessen hat von den Großwerken der Werra dem Westen nur die Gruben von Hattorf und Heringen gelassen, die einzigen in der amerikanischen Zone."

Mit der Erschließung des Werragebiets erreichte die Jagd nach dem "weißen Gold" ihren Höhepunkt. Sie bestimmte das Schicksal der ganzen Industrie. Während die Erdverschiebungen zwischen Harz und Rheinischem Schiefergebirge das Salz in schwierig abzubauende Lager hochgepreßt hatte, fand man an der Werra den horizontalen Meeresboden, der die Gewinnung leichter und ergiebiger machte. Zwei solcher "Mammute" im Gebiet von Satzungen in der Ostzone, Kaisertode mit 70 000 Doppelzentnern und Heiligenroda mit 45 000 Doppelzentnern täglicher Kalirohsalz Förderung, leisteten allein soviel wie alle Werke zusammen, die heute in der britischen Zone arbeiten. Die Konzerne kauften damals die kleineren Betriebe auf und legten die vom Kalisyndikat festgelegten Förderquoten auf die Werra um. Rand hundert Gruben wurden damals in Deutschland stillgelegt. Der Krieg tat ein übriges. In viele Schächte wurden Kriegsbetriebe verlagert, Munitionsanstalten und Kunstschätze untergebracht, denn nirgendwo gibt es im Schoß der Erde größere und schönere Lagerhallen. So kamen auch, eine Reihe von Kaligruben auf die Demontageliste.

Von den 24 Werken, die heute noch in Betrieb sind, liegen zehn in der Ostzone, sieben in der britischen, zwei in der amerikanischen und eins in Baden. Es ist die Grube Buggingen am Oberrhein, die inzwischen zum großen Teil in französischen Händen ist. Die sieben Gruben der britischen Zone liegen sämtlich in Niedersachsen; nämlich: Die Salzdetfurth-Werke Hansa-Silberberg (bei Hannover und in Bad Salzdetfurth), die Burbach-Werke Niedersachsen (zwischen Lehrte und Celle) und Siegfried Giesen (bei Hildesheim), die Werke der Kali-Chemie AG. Ronnenberg (bei Hannover) und Friedrichshall (zwischen Hannover und Lehrte) und schließlich das Wintershall-Werk Bergmannssegen bei Lehrte Diese Gruben haben aber alle nur eine Tagesförderung zwischen 8000 und 15 000 Doppelzentnern Kalirohsalz, also Hartsalz, Sylvinit und Carnallit. Diese Salze werden entweder zu einfachen Düngesalzen zermahlen, die wegen ihrer Billigkeit jetzt dem Landwirt besonders willkommen sind, oder sie werden in den chemischen Fabriken durch Auflösen, Umkristallisieren und Trocknen in die hochwertigen Düngesalze mit 40 bis 50 v. H. K . O verwandelt.