Das Stück, wohl das schönste, das Jean Cocteau geschrieben hat, handelt von der Ödipus-Sage. Es heißt "Die Höllenmaschine" la machine infernale – weil das Schicksal, das Ödipus vorausbestimmt worden ist, den Vater zu erschlagen und die Mutter zu heiraten, obgleich es ihm durch Orakel verkündet ist und obgleich er vor ihm flieht, abläuft wie nach einer eingestellten Uhr bis zu der vorbestimmten Explosion. Es ist also der alte Stoff, den Sophokles bereits in klassischer Reinheit und Vollendung gestaltet hat, und so stellt sich die Frage von selbst, was denn den modernen Dichter veranlaßt – haben mag, das Wagnis zu unternehmen, das gleiche Thema, das schon in einem Meisterwerk vorliegt, noch einmal zu behandeln.

Man kann sich sehr wohl Gründe vorstellen, die einen modernen Autor dazu bewegen können, auf antike Stoffe zurückzugreifen. Ein klassisches Beispiel dafür ist der Amphitryon. Schon in der Antike hat Plautus aus diesem Götter- und Heldenspiel eine Komödie gemacht. Molière hat sie bearbeitet und bei allem Übermut – des Vorspiels etwa – ins Psychologische gewandelt. Kleist hat ihr heldischen Glanz verliehen. Und Giraudoux hat in der – soweit uns bekannt ist – 38. Fassung diesen Stoff zum Anlaß genommen, das ihm besonders am Herzen liegende Thema, ob eine Identität, ein Kontinuierlich-sein des Charakters möglich ist, an ihm abzuwandeln. Ohne also den Stoff im wesentlichen zu ändern, hat jeder der Dichter den Schwerpunkt ein wenig verschoben und dadurch die alte Komödie, modernem Geschmack und modernen Problemen angepaßt.

Daß dies nicht nur in der Komödie, sondern auch in der Tragödie geschehen kann, hat Jean Anouilh in seiner Bearbeitung der Antigone gezeigt. Hier ist es das Gespräch zwischen Kreon und Antigone über die Frage des Staates, der Macht und des Krieges, über die Berechtigung eines staatsmännischen Zynismus gegenüber fanatischem Rechtsgefühl, das den Dichter gereizt hat, sich des alten Stoffes zu bemächtigen. Hier allerdings genügt der sonstige moderne Aufputz – mit Zigaretten und Kaffee – nicht, um die Diskrepanz zwischen dem antiken Stoff und den ihm fremden modernen staatspolitischen Diskussionen zu überbrücken.

Eine weitere Möglichkeit, mit antiken Themen zu verfahren, endlich ist es, sie nur als vergnügten Anlaß zu einer Satire oder einem Rüpel-Thisbe im "Sommernachtstraum". Holberg ist seinem Beispiel in dem Rüpelstück "Die Heimkehr des Odysseus" gefolgt Und Jacques Offenbach hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Pariser Gesellschaft mit seinen übermütigen Operetten "Die schöne Helena" und "Orpheus in der Unterwelt" entzückt.

Doch keiner der von uns geschilderten Beweggründe kann für die Bearbeitung der ödipus-Sage durch Cocteau in Anspruch genommen werden. Da ist nicht eine Übertragung des Stoffes auf eine andere Ebene wie bei Kleist und Giraudoux zu erkennen, auch nicht die Einführung eines modernen Themas, um das sich alles übrige zu gruppieren hat, wie bei Anouilh. Und erst recht nicht eine Verwandlung in Scherz, Satire, Ironie ohne tiefere Bedeutung. Es ist vielmehr so, daß alles, was Cocteau an Neuem hinzufügt oder an Altem ändert, nur eine leise Variation des alten Themas ist, in jenem klassischen Sinn des Begriffes Variation, daß sie aus dem Thema selbst erkennbar und folgerichtig hervorgeht.

Die ersten drei Akte enthalten Geschehnisse, die bei Sophokles höchstens in der im Stück erzählten Vorgeschichte vorkommen: Die Pest in Theben vor der Ankunft des Ödipus, das Gespräch des Ödipus mit der Sphinx und die Hochzeitsnacht von Mutter und Sohn. Erst der letzte, wundervoll gestraffte Akt, und auch der nur in seinen ersten Szenen, enthält jene Entwicklung, die dem Inhalt der sophokleischen Tragödie ausmacht. Dies gibt Cocteau die Möglichkeit, frei über das Thema zu phantasieren. Der erste Akt hat eine bewußte Ähnlichkeit mit Shakespeares "Hamlet". Er spielt auf einer Terrasse in Theben, auf der der Geist des erschlagenen Königs, in eine Mauer gebannt, sich zeigt. Der zweite Akt – zeitlich läuft er in den gleichen Stunden ab wie der erste – enthält das Gespräch des Ödipus mit der Sphinx. Nemesis selber, die große Göttin, ist diese Sphinx in der Gestalt eines schönen jungen Mädchens, und Anubis, der schakalköpfige ägyptische Todesgott, ist ihr Begleiter. Höhere Mächte bestimmen Nemesis, sich in Ödipus zu verlieben, ihm die Lösung des Rätsels zu verraten und ihn so dem Inzest mit seiner Mutter Jokaste entgegenzuführen. Die Hochzeitsnacht des dritten Aktes ist voller Vorbedeutungen, voller Zufälle und Ereignisse, die immer wieder dicht an die Entdeckung des widernatürlichen Verhältnisses führen – so entsetzt sich – Jokaste vor den Narben an den Füßen ihres Sohngemahls. Der vierte Akt endlich bringt durch den Boten aus Korinth und die Erzählung des Schäfers die Aufdeckung aller Frevel und zugleich auch die Sühne, den Selbstmord Jokastes und die Selbstblendung des Ödipus. Der Schluß ist schön erfunden: den blinden Ödipus führen, seine kleine Tochter Antigone und der Geist der Jokaste, die nun, durch den Tod entsühnt, nur noch Mutter ist, auf die Straßen Griechenlands. Zu Kreon, der sie zurückhalten will, sagt der blinde Seher Tiresias: sie gehören nicht mehr dir – sie gehören, dem Volk, den Dichtern und den reinen Herzen.

Diesem letzten Satz kann man auch den Beweggrund entnehmen, aus dem heraus Jean Cocteau es gewagt hat, den gewaltigen Stoff noch einmal zu behandeln. Er gehört den Dichtern – denen, die wirkliche Dichter sind und bei denen jede Veränderung und Bereicherung des Themas poetischen Anschauungen und nicht intellektuellen Überlegungen entspringt, Wir wollen keine Vergleiche beschwören, wir möchten nur daran erinnern, daß aus gleicher möchten gung heraus Goethe die "Iphigenie" geschrieben hat.