In der Rangliste der Marshall-Plan-Länder steht Italien hinter Frankreich und Großbritannien an dritter Stelle vor den Niederlanden und der Doppelzone. Mit 601 Mill. $ bekommt die junge Republik über 12 v. H. der Gesamthilfe des ersten Planjahres. Gut ein Drittel des Betrages soll für die Einfuhr von Lebensmitteln verwendet werden. Rund 15 v. H. sind für Kohlenlieferungen vorgesehen, die restlichen 50 v. H. für Importe von Maschinen, Erdöl, Stahl, elektrischem Material, chemischen Produkten usw.

Die Höhe der direkten Hilfe ist entscheidend bestimmt durch die besonderen wirtschaftlichen Verhältnisse der Halbinsel. Italien ist immer ein armes Land gewesen. Mangel an Kapital und Rohstoffen sowie ein erheblicher Überschuß an Arbeitskraft setzten allen wirtschaftlichen Anstrengungen schon vor dem Kriegs verhältnismäßig enge Grenzen. Diese Spannungen hatten bei Kriegsende, verstärkt durch zum Teil erhebliche unmittelbare Kriegsschäden, besonders im Verkehrswesen, ein gefährliches Maß erreicht. In jener Zeit war der Zustand der italienischen Wirtschaft so desolat, daß Amerika dem Lande schon vor Anlaufen des Marshall-Planes mit Milliarden-Beträgen unter die Arme greifen mußte, um das völlige wirtschaftliche und politische Chaos zu verhindern. Bis Ende März 1948 wurden in Form von UNRRA-Lieferungen, USA-Hilfe und Krediten über zwei Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt.

Wenn diese ersten Nachkriegsschwierigkeiten auch verhältnismäßig schnell überwunden werden konnten – der Index der Industrieproduktion liegt zur Zeit bei 70 v. H. von 1938 und die landwirtschaftliche Erzeugung hat rund 80 v. H. der Vorkriegsernten erreicht –, so ist das Land damit doch noch keineswegs aus allen Nöten heraus. Sorgen macht heute vor allem die nach wie vor sehr kritische Finanzlage mit ihrer noch immer nicht ganz überwundenen Inflationsgefahr. Der Wiederaufbau kostet Milliarden, denen im Augenblick noch kein entsprechender Kapitalfonds gegenübersteht. Der Außenhandel ist in seiner Konkurrenzfähigkeit durch zu hohe Produktionskosten und durch unzureichende Arbeitsleistung gehandicapt. 1947 standen 1 400 Mill. $ Importen nur 700 Mill. $ sichtbare und unsichtbare Exporte gegenüber. 1948 hat sich diese Situation in Auswirkung des Marshall-Planes bereits gebessert. Bei fast unveränderten Importen konnte der Export im 1. Halbjahr zum Teil erheblich gesteigert werden. Besonders erfreut war man in Italien über den ERP-Waggonbau-Auftrag der Doppelzone, der die Lieferung von 4 500 Eisenbahnwagens bis Juni 1949 vorsieht. Auch die für Italien besonders wichtigen Obst- und Gemüseausfuhren konnten durch Hereinnahme dieser Lieferungen in das ERP-Programm gesteigert werden.

Genau wie in den übrigen Partner-Ländern des ERP wird auch in Italien der Gegenwert der Marshall-Importe – allein im ersten Planjahr sollen 14 Mill t Getreide, 93 000 t Baumwolle, 7,5 Mill. t Kohle, 2.4 Mill. t Erdöl, 174 000 t Eisen und Stahl, für 4,1 Mill. $ landwirtschaftliche Maschinen und für 6,8 Mill. $ Holz geliefert werden – in einheimischer Währung auf einem besonderen Konto verbucht. Die Verwendung dieses Fonds ist zweckgebunden und erfolgt im Rahmen. eines großzügigen Wiederaufbauprogramms. An der Spitze stehen öffentliche Arbeiten zur Landgewinnung, Bewässerung und Wiederaufforstung. Eine durchgreifende Agrarreform soll jenes beinahe schon "klassische" Mißverhältnis beseitigen, das darin besteht, daß die Großgrundbesitzer fast 50 v. H. des gesamten Agrarbesitzes in Händen haben, aber nur 1 v. H. der landwirtschaftlichen Betriebe, während Klein- und Zwergbesitz zwei Drittel der Bodenfläche zu eigen haben. Die Priorität bei den vorgesehenen Arbeiten ist Süditalien, den Inseln und den Provinzen Venezia und Emilia zugestanden. Man hofft, auf diese Weise allmählich auch die hohe Arbeitslosenzahl senken zu können, die immer noch bei über 2 Millionen liegt. Ähnlich wie die Landwirtschaft soll die Industrie rationalisiert und modernisiert werden. Die Senkung der Kosten soll besonders durch bessere Ausnutzung der vorhandenen Kapazitäten erreicht werden. Fernziel ist, die industrielle Produktion bis 1953 auf 30 bis 40 v. H. über den Vorkriegsstand zu bringen. Die Leistung der Maschinenindustrie soll in jenem Jahr sogar 150 v. H. derjenigen von 1938 erreichen. Durch Umbau des Steuersystems und bessere Erfassungsmethoden hofft man, innerhalb von fünf Jahren auch von dem hohen Defizit des Staatshaushalts herunter zu kommen.

In Italien ist der Gedanke einer europäischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit, stärker als In anderen Ländern, auf fruchtbaren Boden gefallen. In unmittelbarer Nähe des großen weltpolitischen Gegensatzes weiß man hier, daß Kooperation die einzige Möglichkeit ist, die gefährlichen Spannungen abzuschwächen. Trotz der Erfolge, die gerade Italien unter dem ERP bereits erreicht hat, ist man sich in Rom aber auch darüber im klaren, daß der Plan des amerikanischen Staatssekretärs erst dann wirklich erfüllt ist, wenn diese wirtschaftliche Zusammenarbeit auch politisch untermauert wird. "Vom Marshall-Plan müssen wir zur Einheit Europas kommen", erklärte Außenminister Sforza kürzlich in Carrara. Italien betrachtet sich (und ist es in der Tat) als einen wesentlichen Pfeiler dieses gemeinsamen Hauses der europäischen Völker.

V–i.