Von Karl N. Nicolaus Gleich am Anfang bin ich in Verlegenheit: Wie redet man eine Schönheitskönigin an? Alle mir bekannten Anreden, passen nicht. Man könnte entsprechend "Euer Durchlaucht" eventuell Euer "Frei zur Durchsicht" oder auch "Eure Ausgezogenheit" sagen. Am besten würde vielleicht die alte Hans-AIbers-Floskel passen: "Servus, Puppe!" Aber das ist leider nicht dem spanischen Hofzeremoniell entnommen. Und Majestäten muß ‚man doch spanisch kommen ...

Verehrteste, meine alleruntertänigste Reverenz lege ich Ihnen zu Füßen, weil Ihnen der Aufstieg in die neue Aristokratie gelang, in die Entkleidungs-Aristokratie, die wie ein Vogel Phönix aus den Trümmern aufstieg, um das Herz der Menschen (genauer gesagt: der Männer) zu erfreuen und dasjenige der Mädchen und Frauen mit Neid zu erfüllen. Denn es ist doch schon etwas, aus dem Nichts auf die Titelseiten großer Illustrierter zu avancieren (und retour?).

Es lief mir immer ein Schauer den Rücken herunter, wenn ich las, welche Strapazen manche Schönheitskönigin auf sich nehmen muß, um eine Solche zu werden. Da erdreistete sich doch ein Preisrichter, in aller Öffentlichkeit zu behaupten, die Sache müsse genauer untersucht werden, weil manche. "Bewerberinnen" den Büstenhalter mit Papier ausgestopft hätten. Ich ahnte nichts von dieser neuen, grandiosen Funktion des Papiere, und mir brachen viele Illusionen zusammen. Doch – man kann natürlich in Anbetracht der diffizilen Struktur der Gegebenheiten verstehen, wenn die "Königsmacher" in dieser Branche den nackten Tatsachen mit besonderer Genauigkeit ins Auge sehen wollen. Ich weiß, es haftet dem gesamten Komplex ein großer Fehler an: es fehlt die Norm. Wie soll die Konkurrenz gestartet werden? Die obligaten Badeanzüge setzten sich nicht durch, weil manche Säle zu schlecht gehetzt waren. Es gab nun auch ernsthafte Konkurrenzen in Dessous, wobei heftige Debatten vom Zaune gebrochen wurden, ob jenes Bekleidungsstück, das in der Umgangssprache "Strapps" heißt, dabei in Erscheinung treten dürfte oder nicht. Ich kenne mich da nicht aus, aber ich kann mir vorstellen, Verehrteste, daß diese ungeklärten Fragen Ihr Gemüt sehr strapaziert haben. Und daß Sie sich dennoch mit Horridoh ins Getümmel stürzten!

Richtig, wie lautet nun eigentlich der Schlachtruf der Schönheitsköniginnen und derer, die es werden wollen? Vielleicht wäre "Halali" oder "Halalou" in Vorschlag zu bringen. Ich persönlich meine, daß es sich um moderne Nachschöpfenden à la Artemis handelt, denn die Damen sind auf der Jagd, – auf der Jagd nach Publizität. Die Reize dieser antiken Göttin Artemis bestanden urkundengemäß unter anderem in ihrerNackenlinie und dem jagdbereiten Busen, sowie einem Mund, der mit einer Rosenknospe verglichen wird. Verehrteste Schönheitskönigin, über Ihren Mund allerdings könnte ich, wenn ich Sie so betrachte, weniger sagen, weil er mich blendet, wie eben harmlose Gemüter von einem "Feuerschein von Schminke" geblendet werden. Ich meine aber, da Sie so groß und mit Publicity bekleidet dastehen, müssen Sie freundlicherweise gestatten, daß wir älteren, humanistisch geschulten Verehrer uns die Sache – über das Handgreifliche hinaus – noch mit anderen Mitteln schmackhaft machen. Die gute Artemis arbeitete noch mit Pfeil und Bogen, wofür neuerdings Scheckbuch und Füllfederhalter in der Arena des Lebens erschienen sind. Allerdings schießen Sie, meine großartige Königin, damit nicht selbst, sondern damit wird höchstens auf Sie geschossen.

Oft auch irrten die Alten. So hat zum Beispiel jemand verkündet: "Über allem Herrlichen ist eine Hütte." Alles was recht ist, das trifft nicht mehr zu, meine Königin. Auch stelle ich mir, meine Königin; manchmal vor, was der größte Maler der Renaissance Raffael wohl sagen würde, wenn er unter uns wandeln könnte. Er, der sich in seinen Briefen bitter beklagte, daß es keine weiblichen Modelle gab, die etwas von der wirklichen Struktur der Schönheit sehen ließen.

Die erwähnte Göttin Artemis gebot unter anderem auch den vier großen Winden, denen die Alten allerhand zutrauten; sie hießen Borreas der kalte, dann Notos, der aus dem Süden, endlich Zephir, der Sanfte und Euros; and von ihnen ließ sie sich zuweilen entführen. Neuerdings müßte man da den Wind hinzutun, der Metro-Goldwyn-Mayer heißt, von dem unsere Schönheitsköniginnen sich gern entführen ließen. (Real-Film tut’s auch!)

O du meine Königin, nein, du kannst von dir nicht sagen, was Anouilh seine Eurydike sagen läßt: "Ich bin zu mager, ich bin kein Federbett. 41 Du wärst schon ein Federbett. Aber man hat eine so spontane Sehnsucht nach dem Plumeau. Ich habe – wie es sich für Verehrer geziemt – viel um dich gelitten. Gefroren habe ich um dich! Ich bewunderte deine Ausdauer, deine Hoffnungsseligkeit (mit Bezug auf den fünften Wind). Und wenn ich ganz genau hinsehe, dann bekommt die ganze Sache etwas von dem berühmten Sklavenmarkt zu Bagdad, von dem die Chronik zu Zeiten des Kalifen Mansur berichtet.