Wiedersehen mit der alten Grenzstadt – Alsasser Ditsch und c’est chic de parier français

Von Martin Saller

Für einen Augenblick zeichnet sich die Silhouette des Münsters klar und.scharf in den mattblauen Himmel, als der Zug aus dem verbeulten Kehler Bahnhof auf die neue Rheinbrücke rollt. Und schon versetzt die Fahrt über den schicksalsträchtigen Strom den Reisenden in eine eigenartige Spannung: Wie werden wir Straßburg wiederfinden? Nicht so, als ob der Stachel verlernen Nationalstolzes uns quälte, der nach dem ersten Weltkrieg beim Anblick der Trikolore über der "Wunderschönen" bittere Gefühle aufriß. Straßburg und das Elsaß im deutschen oder im französischen Einflußbereich: bedeutet diese Frage heute noch soviel wie damals? Neue, weitere Perspektiven haben sich aufgetan! Aber eine bestimmte Sorge ist dem Reisenden deutlich spürbar Wenn dem Lande nur das eigene Gesicht nicht genommen wird! – Der Zug hält in der Straßburger Bahnhofshalle, schon ist man vom heißen Leben der Stadt umspült,die mit ihren untergründigen, fast körperlich spürbaren Volkstumsspannungen so straßburgisch ist wie nur je.

Die Gepäckträger auf den Bahnsteigen haben einen merkwürdig scharfen Blick für die Nationalität der Ankömmlinge, wobei für sie der elsässische Landsmann nach wie vor als eigenständige Größe zwischen Franzosen und Reichsdeutschen gilt: Mit verblüffender Sicherheit entbieten sie ihre Dienste in breitflüssigem "Alsasser Ditsch" oder in schwerfälligem, alemannisch akzentuiertem Französisch. Ihr steif gedrechseltes Hochdeutsch freilich bringen sie selten genug an den Mann, denn die französische Militärregierung drüben in Baden-Baden ist sparsam mit Einreisebewilligungen. Man sieht den deutschen Besucher lieber in Paris als in der eifersüchtig behüteten, fremdstämmigen Grenzprovinz...

In den weiten Bogen, der Hotels gegenüber dem Hauptbahnhof haben amerikanische Bomben häßliche Lücken gerissen. Seither ist ein leises Ressentiment gegenüber den Amerikanern geblieben, deren robuste Landtruppen während der letzten Kriegsmonate noch ein übriges taten, die Reserve der elsässischen Bevölkerung zu verstärken. Die Trümmer sind beseitigt. Zwischen den jähen, tristen Schluchten der zerfurchten Brandmauern drücken sich Baracken und Verkaufsstände. Oberhaupt hat das Leben in den Straßen der Innenstadt, die sich in bürgerlichdeutscher Behäbigkeit um das Münster gruppiert, seine beherrschende Note geändert, seit an die Stelle der rund 40 000 Reichsdeutschen, die Straßburg während des Krieges beherbergte, in etwa gleicher Zahl Franzosen aus dem Inneren des Landes getreten sind. Ihr beschwingter Lebensrhythmus ist überall spürbar. Starke militärische Verbände, vor allem auch farbige Truppen, liegen in Garnison. Immer wieder begegnet man. auch algerischen und marokkanischen Straßenhändlern mit ihren kümmerlichen Bauchläden –: entlassenen Söldnern, die den Aufenthalt in Straßburg der Rückkehr in die Heimat vorgezogen haben. Aber alles dies ist nur das leise Wellengekräusel an der Oberfläche, das den ersten Eindruck südländischen Kolorits vermittelt. Darunter strömt breit und beharrlich immer noch das elsässisch-straßburgische Leben. Nur daß gewisse, auch früher schon heimisch gewesene Westindische Gepflogenheiten wieder frei in Übung sind. So haben die Obst- und Gemüsehändler – die ihnen von den Deutschen angewiesenen festen Verkaufsplätze verlassen und ihre beweglichen Wagenstände überall in der Stadt aufgebaut. Der Pariser "marchand des quatre saisons" gehört auch in das Straßburger Straßenbild.

Zwischen Hunger und Überfluß

Diese freundlichen Männer und Matrosen, die hinter Bergen von Obst, erlesenem Gemüse und Südfrüchten aller Art aus wohlgenährten Gesichtern lächeln, zählen übrigens zu den Bevorrechteten der Stadt und des Landes. Ihre Preise sind hoch und die Gewinnspannen unwahrscheinlich groß. Der Handelsstand, die Handwerker und die Angehörigen einzelner technischer Berufe sind überhaupt die großen Gewinner der französischen Inflation. Sie sind im wesentlichen auch die Käufer all des Glanzes, der sich märchenhaft hinterdem gläsernen Vorhang der Auslagen breitet Die Ware strömt in einem inneren Kreis, noch in viel krasserer und ausschließlicherer Form als in Deutschland. Das Einkommen der breiten Massen reicht mühsam hin für den täglichen Lebensunterhalt. Die Lebenshaltungskosten erhöhen sich stän-Sie folgen in der endlosen, verhängnisvollen •Spirale den periodischen Preis- und Tariferhöhungen für Kohle, Gas und Strom und für die Transportmittel, die jeweils die mit Streiks erzwungenen Einkommenserhöhungen der Arbeiter wieder überrunden. Die Rentner und Pensionäre hinken mit ihren starren Bezügen hoffnungslos hinter dieser Entwicklung her. Sie darben, sie hungern, und ihrer sind nicht wenige. Ein Heer von verschämten Bettlern beherbergt die Stadt, die das geschlagene Frankreich im Herbst 1944 nicht wie 1918. mit Weißbrot und Rotwein und einem generösen Umtausch der entwerteten Reichsmark zurückholte.