"Prière pour Im vivants", auf deutsch heißt das etwas wehleidig: "Wir armen Erdenbürger". Mit einem Gebet für ein Neugeborenes beginnt diese Komödie des Franzosen Jacques Deval, mit einem Gebet für ein Neugeborenes endet sie. Dazwischen rollt in acht Bildern das törichte Leben von drei Generationen engstirniger Menschen ab. Mehr spöttisch als heiter, mehr bitter als komisch bringt der Pariser Boulevard-Autor, der vor nicht langer Zeit aus Amerika nach Frankreich wiederkehrte, mit effektvollen, vom Film übernommenen Tricks die Figuren immer wieder in dieselben Situationen, in denen sie die gleichen Fehler machen. Schonungslos macht er seine Witze über die Spießer unter den Erdenbürgern, pariserisch frivol, indiskret und gänzlich unsentimental.

Wie die Kette einer mittelmäßigen Familie sich durch 50 Jahre von 1873 bis 1935 ineinanderfügt, so folgen streng logisch die Pointen des Stückes: ein vollkommener Belle-Etagen-Bau, in dem mehr als drei Stunden zu wandern allerdings schließlich etwas Langeweile verursacht. Immer dieselben Vater- und Sohn-Komplexe, da die Menschen eigensinnig aus den Erfahrungen der Vorfahren nichts lernen wollen (obwohl der Dichter die Möglichkeiten aufzeigt). Immer dieselbe mulmige Atmosphäre zwischen Lügnern und Gaunern, zwischen armseligen Erdenbürgern statt bewußt Lebenden, zwischen Kokotten und ihren bürgerlichen Abarten, zwischen Lust greisen und ausgezogenen Mädchen.

Mai; sein, daß die Übersetzung den Scharm der Bonmots etwas stark eindeutschte, Mag sein, daß Günter Rennen, Intendant des Hamburger Opernhauses, als Gastregisseur allzu genüßlich die kapriziösen Möglichkeiten ausspielte, statt einige durchaus erlaubte Striche zu wagen. Fest Steht jedenfalls, daß dieser hervorragende Opernregisseur auch auf dem Theater eine vollkommene souveräne Inszenierung schuf (all deutsche Erstaufführung in den Hamburger Kammerspielen), die jeden einzelnen Schauspieler zu besonderer Geltung brachte, so daß die Illusion vollkommene Wirklichkeit wurde. Vortrefflich unter ihnen Helmut Käutner in einer Parade-Verwandlungsrolle vom Baby zum Urgroßvater. Ein Bravo für das schlackenlose Ensemble-Spiel?

Erika Müller

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Zum Jahresausklang haben die "Hamburger Kammerspiele" "ein" Operette ("Schäfchen zur Linken") gebracht, deren Aufführung nur eine Notiz wert ist, nämlich die Bemerkung, daß heutzutage die jüngeren Darsteller offenbar keine richtigen Schauspieler mehr sind. Die Dorsch, Gründgens, Paulsen –: die haben gelegentlich gezeigt, daß sie ausgelassen (und also diszipliniert) Operette spielen konnten. Denn einst gehörte es zum Beruf des Schauspielers, auch singen und tanzen zu können. Heute wird nur "dargestellt". Hat man sich schon so sehr daran gewöhnt, daß die Gelegenheit einer Operettenaufführung einem erst wieder die Augen öffnet? Daß dies "Schafchen zur Linken" das Niveau einer Theatervereinsaufführung hatte: dies zu erwähnen, ist deshalb notwendig, weil man den jüngeren Darstellern von heute an ihrer eigenen Aufführung demonstrieren kann: Herrschaften, stellt nicht nur dar, lernt wieder spielen! Josef Marein

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