Die Plakate des Gewerkschaftsrates mit der Überschrift "öffentliche Anklage" kleben seit einigen Wochen überall in Norddeutschland in der amerikanischen Besatzungszone sind sie etwas später an den Mauern erschienen, weil man dort, vorsichtiger zu Werke gegangen war und zunächst eine "textliche Unklarheit", (welche eigentlich?) richtiggestellt hatte. Es sind schöne, farbkräftige Plakate, gar nicht zu übersehen. Nur besonders zugkräftig sind sie nicht. Sie sprechen das sogenannte "große Publikum" nicht an; ihr Inhalt, beschäftigt die Phantasie der Vorübergehenden nicht; ihr Thema ist, mit einem Wort, nicht recht aktuell

Vor allen Dingen: der "gewöhnliche Leser", der ja zumeist Lohn- oder Gehaltsempfänger ist, versteht einfach nicht, weshalb die Erträge aus der Lohnsteuer seit der Geldreform gesunken sein sollen; er weiß ja, daß die Abzüge regelmäßig erfolgen. Und er begreift nicht recht, daß nur der gleichzeitige Rückgang der Erträge aus den "Unternehmersteuern" ein Ärgernis sein soll, wenn anderseits die Lohnsteueraufkommen – aus unerforschlichen Gründen, wie man annehmen muß, da ja der Vorwurf einer Hinterziehung dieser Summen kaum erhoben werden kann – auch rückläufig sind.

Nun hat die Industrie- und Handelskammer Münster die Lösung des Rätsels unternommen. Sie stellt die Steuerleistungen der drei Monate Januar; bis März 1948 denjenigen der drei Monate September bis November 1948 gegenüber. Da hat man nun einigermaßen vergleichbare Größen, während die Monate April bis Juni, in denen soviel Steuerrückstände eingingen, wie nie zuvor, eben nicht zum Vergleich taugen. Das gibt dann folgendes Bild

Lohnsteuer: Damals 590 Mill RM, jetzt 415 Mill. DM, Rückgang also 30 v. H.; dabei ist aber zu berücksichtigen, daß die Steuer um durchschnittlich 36 v. H. gesenkt worden, ist.

Einkommensteuer: Damals 810 Mill. RM, jetzt 621 Mill. DM, also ein Minus von 23,5 v. H., nach einer Senkung der Steuersätze um durchschnittlich 30 v. H.

Körperschaftsteuer, welche das bewußte Gewerkschafts-Plakat – warum eigentlich? – gar nicht berücksichtigt! Damals 162 Mill. RM., jetzt 281 Mill. DM, also ein Plus von73,5 v. H. j

Umsatzsteuer: Damals 603 Mill. RM, jetzt 698 Mill. DM, also plus 16 H.