Zwei ungerechte Entscheidungen des Westens, zwei schwere Abweichungen, von dem Wege einer genügend guten Politik, haben dazu beigetragen, daß heute immer noch in China der Bürgerkrieg rast und vierhundert Millionen Chinesen keinen Frieden, genießen können. In dem Vertrag von Versailles haben die Westmächte gegen jedes Recht durchgesetzt, daß die ehemaligen deutsch-chinesischen Besitzungen an Japan fallen sollen und nicht etwa an China, das auf Druck der Alliierten Deutschland den Krieg erklärt hatte. Die chinesische Regierung hat zwar den Vertrag nicht unterschrieben, aber die Japaner blieben in Tsingtau, Aus dieser Tatsache leiteten sie später ein Schutzrecht ab Über die Provinz Schansi, weil sie zu ihrer Einflußsphäre gehöre, und als Tschiangkaischek im Jahre 1927 bei seiner "Strafexpedition" gegen die Kriegsherren des Nordens Tsinan eroberte, traten ihm japanische Truppen entgegen. Zum erstenmal bekämpfte Japan damit den Versuch der Kuomintang, China zu einigen. Doch war diese Entwicklung nur folgerichtig. Weil die Japaner Tsingtau besaßen und damit einen Teil Chinas, war für sie die Verlockung groß, sich weitere Gebiete anzueignen. Im Jahre 1931 besetzten sie die Mandschurei, und der Völkerbund versagte. Zwei Jahre später fielen sie in Jehol ein, und 1938 endlich begannen sie mit dem Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke vor Peiping und einem zweiten Angriff auf Schanghai ihren großen Eroberungkrieg, der bis zum Jahre 1945 gedauert hat.

Die zweite ungerechte Entscheidung wurde im Februar 1945 in Jalta getroffen. Wenig über ein Jahr zuvor, im Dezember 1943, hatten Roosevelt, Churchill, und Tschiangkaischek auf der Konferenz von Kairo einen einmütigen Beschluß gefaßt über die Friedensbedingungen, die Japan aufzuerlegen seien. Danach sollten die Mandschurei, Formosa und die Pescadores-Inseln an China zurückgegeben werden. Ferner war beschlossen worden, aus Korea wieder einen unabhängigen Staat zu machen und alle Gebiete, die Japan seit 1914 erobert hatte, ihm fortzunehmen. Nun aber, in Jalta, schlossen Roosevelt, Churchill und Stalin hinter dem Rücken von Tschiangkaischek ein Abkommen, wonach Sowjetrußland nicht nur die Aufsicht über den Hafen Darren in der-Mandschurei und die ihn beherrschende Festung Port Arthur haben sollte, sondern auch über die chinesisch? Ost- und die südmandschurische Eisenbahn. Auch sollte die Äußere Mongolei als Volksrepublik anerkannt und von China abgetrennt werden. Dies alles war als Entgelt dafür gedacht, daß Rußland sich bereit erklärte, nach der Niederlage Deutschlands am japanischen Krieg teilzunehmen.

Damit aber hatte man den zukünftigen Eroberer Sowjetrußland genau so nach China hineingelockt wie seinerzeit Japan. Der Kreml nahm denn auch seine Chance wahr. Er ließ die Mandschurei erst räumen, nachdem dort eine kommunistische chinesische Armee aufgestellt und ausgerüstet worden war, und gleichzeitig befahl er, den Hafen Dairen zu sperren, um den Gegenangriff der Nationalarmee zu erschweren. Ein Bürgerkrieg auf Tod und Leben zwischen, der Kuomintang und der kommunistischen Partei war nunmehr unvermeidlich geworden. Seine Gefahren lassen sich heute klar überblicken. Die kommunistischen Armeen stehen vor Peiping und Tientsin, sie rücken auf den Jangtse vor. Wird China mit ihrem Sieg ein kommunistischer Staat, so werden Indochina und Burma folgen. Amerikas Stellung in Korea dürfte unhaltbar werden, und Japan, das auf den Handel mit China angewiesen ist, weil es von dort seine Lebensmittel kaufen muß, wird in Abhängigkeit der Kommunisten geraten.

Der Westen, der dieser selbstverschuldeten Entwicklung einstweilen hilflos gegenübersteht, sucht sich mit der Vorstellung zu trösten, die chinesischen Kommunisten seien keine wirklichen Kommunisten, sondern biedere Bodenreformer. Ihre Ziele unterschieden sich im Grunde genommen kaum von dem Programm der Kuomintang. Sollte also Mao Tse-Tung den Generalissimus. Tschiangkaischek endgültig besiegen, so sei dies nicht so schlimm. China würde zwar dem Namen nach kommunistisch werden, aber stets unabhängig von Moskau bleiben und den Westmächten, in erster Linie den Amerikanern, großartige Möglichkeiten bieten, Geschäfte zu machen. Aber, wenn dies so ist, wenn beide Parteien wirklich so ähnlich sind, woher stammt dann die erbitterte Feindschaft zwischen ihnen? Trifft es vielleicht doch nicht zu, daß die chinesischen Kommunisten so harmlos sind?

Eines jedenfalls ist unbestreitbar: beide Parteien waren einmal befreundet. Sie haben einige Jahre lang zusammen für die Befreiung Chinas von den Kriegsherren des Nordens und den fremden Mächten sowie für die Einheit des Reiches gekämpft. Begonnen hatte, diesen Kampf bereits im Jahre 1895 der Gründer der Kuomintang, Sun Yat-Sen, als er den ersten mißglückten Aufstand in Kanton unternahm. Die kommunistische Partei hingegen wurde erst 1921 in Schanghai gegründet; sie war klein, bedeutungslos und streng orthodox-marxistisch. Eine Verbindung zwischen den beiden Parteien kam erst zustande, als nach dem ersten Weltkrieg der russische Botschafter Joffe, den die Regierung von Peking abgelehnt hatte, nach Kanton kam. Sun Yat-Sen hatte trotz mancher Bemühungen keine Anerkennung und keine Unterstützung bei des westlichen Mächten erhalten. Er bewunderte die Energie, mit der Sowjetrußland nach dem ersten Weltkrieg aufgebaut wurde, Er war, obgleich er die Ideen des Klassenkampfes und der Diktatur des Proletariats ablehnte, von vielem beeindruckt, was ihm der russische Botschafter berichtete, und so gab er 1923 gemeinsam mit ihm ein Freundschafts-Manifest heraus, in dem er jedoch vor einer zu engen Bindung mit den Worten warnte: "Dr. Sun Yat-Sen ist der Meinung, daß die kommunistische Ordnung oder das Sowjetsystem in China nicht eingeführt werden können, weil dort die Bedingungen für eine erfolgreiche Errichtung eines kommunistischen oder sowjetischen Systems nicht bestehen."

Stärker den Russen in die Arme getrieben wurde er erst 1923 durch eine von England geleitete Flottendemonstration, die erfolgte, weil er den Versuch gemacht hatte, den Überschuß aus den international verpfändeten Seezöllen in Kanton für sich zu behalten, statt ihn in die gegnerische und von ihm bekämpfte Regierung in Peking zu schicken. Jetzt beschloß Sun Yat-Sen, sich näher an die Sowjets anzuschließen. Auf Veranlasung von Borodin, der als ständiger russischer Ratgeber bei ihm weilte, gab er die Parole aus, der Weg der Kuomintang müsse nun nach links führen. Alte, der Rechten zuneigende Mitglieder schloß er aus, und eine große Anzahl neuer, der extremen Linken Angehörende nahm er auf. Damals, warnte Tschiangkaischek ihn vor den Folgen dieser vom Sentiment bestimmten Politik. Er war als Beauftragter der Kuomintang in Moskau gewesen und hatte dort sehr Wenig günstige Eindrücke erhalten.

"Das einzige Ziel der russischen Partei", so schrieb er seinem später ermordeten Freunde Liao Tschung-Kai, "ist, die chinesische kommunistische Partei zu ihrem legitimen Erben zu machen. Sie glauben nicht, daß unsere Partei (die Kuomintang) mit ihnen bis zum Letzten zusammenarbeiten kann ... Was ihre Politik in China angeht, so wünschen sie die Mandschurei, die Mongolei, die mohammedanischen Provinzen und Tibet zu einem Teil ihres Sowjetreiches zu machen, und auch in dem eigentlichen China möchten sie die Hand im Spiel haben ... Was sie Internationalismus und Weltrevolution nennen, ist weiter nichts als Imperialismus."