Der letzte der Nürnberger Prozesse, der Prozeß gegen die "Wilhelmstraße", die leitenden Beamten des Auswärtigen Amtes, einige Reichsminister, Staatssekretäre, Ressortchefs, Bankdirektoren und Polizeifunktionäre aus den Regierungsstellen der benachbarten Straßenzüge steht vor dem Abschluß. Nach über einjähriger Dauer der Verhandlungen wird mit dem Urteil in den ersten Wochen des neuen Jahres gerechnet. Wie ein Kaleidoskop hat der Wilhelmstraßenprozeß noch einmal alle Anklagekomplexe empfangen, die Gegenstand der übrigen Nürnberger Prozesse waren: "Verbrechen gegen den Frieden", alle Phasen der Hitlerschen Expansions- und Aggressionspolitik umfassend, "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", die Behandlung von Kriegsgefangenen, Umsiedlungen, Eindeutschungen, Judenverfolgung und Ausrottung, sowie endlich der Kampf des Regimes gegen die Kirchen, die Beschäftigung von Zwangsarbeitern, Plünderung und Mitgliedschaft bei verbrecherischen Organisationen. –

Obwohl sich unter den Angeklagten eine Reihe repräsentativer Träger der Diktatur wie Darré, Bohle, Berger, Keppler und Schellenberg befanden, lag der Akzent des Prozesses in der-Anklage gegen die Vertreter der hohen Berufsbeamtenschaft, die Weizsäcker, Woermann, Lammers, Schwerin-Krosigk und Meißner. Sie waren nach Auffassung der Anklage die willigen Werkzeuge der Schreckensherrschaft, du ausführenden Handlanger der verbrecherischen Pläne Hitlers gewesen. Die Auseinandersetzung über die Rolle, die das Berufsbeamtentum im Dritten Reich spielte, erreichte dramatische Höhepunkte. Sie wurde in scharfer, wenn auch sachlicher Weise geführt, wobei ein Novum für Nürnberg, Ankläger wie Verteidiger, Belastungs- wie Entlastungszeugen sich gelegentlich als Kinder der gleichen Welt, eben der angeklagten Hierarchie entpuppten. Kempner, ein früherer preußischer Regierungsrat, führte die Anklage, Becker, der Sohn des einstigen preußischen Kultusministers, die Verteidigung. Gauß, der Leiter der Rechtsabteilung im Auswärtigen Amt, Unterstaatssekretär und Botschafter, Gehilfe Bülows, Stresemanns und Ribbentrops, wurde zur Stütze Kempners, Prof. Kaufmann, ein Völkerrechtler von Weltruf, "Nichtarier", selbst Verfolgter des Naziregimes und Emigrant, zeugte gegen Gauß und für Weizsäcker und das Auswärtige Amt.

In den Schlußplädoyers fuhren beide Seiten noch einmal schweres Geschütz auf. Die Anklage sprach von dem "mit Beute beladenen Staatsschiff", das die Angeklagten mit steuern halfen. In ihren Augen wurde auch der Anschluß zu einem Angriff, denn "wenn die Invasion widerrechtlich ist, wird sie nicht rechtlich zulässig, weil die militärischen Kräfte der einfallenden Macht so überlegen sind, daß das besetzte Land es für militärisch nutzlos erachtete, Widerstand zu leisten". Die Anklage vermag daher auch nicht einzusehen, "daß es irgendeinen Unterschied macht, ob die Regierung nach einer Schlacht sich unterwirft, oder vor einer Schlacht, wenn vom militärischen Gesichtspunkt feststeht, daß tatsächlicher Widerstand, keinen Zweck hat". Die Anklage unterstellt es als unmöglich, daß irgendeiner der Angeklagten ernstlich daran glaubte, daß der Krieg gegen die Sowjetunion gerechtfertigt war, weil diese ihrerseits einen Angriff plante. Bedeutsam erscheint auch der Hinweis der Anklage, man dürfe an die staatliche Exekutive, der die Angeklagten angehörten, nicht den gleichen Maßstab legen wie an die demokratischen Staaten, denn in Deutschland sei die Teilung von gesetzgeberischer, juristischer und vollziehender Gewalt beseitigt und durch das Führerprinzip ersetzt worden. Am Beispiel Lammers demonstriert die Anklage, warum sie diesen Standpunkt einnimmt. Seine Aussage, so heißt es, läßt und wie folgt zusammenfassen: "seine Stellung und Aufgaben waren Gesetze unbedeutend, seine Unterschrift unter Gesetze und Erlasse erfolgte nur der Form halber. Die Gesetze, bei deren Erlaß er beteiligt war, waren häufig von Anfang an ohne Bedeutung, die ihm unterbreiteten Berichte entweder überholt, wenn sie. an ihn gelangten oder seines Interesses nicht wert. Die Ämter, denen er angehörte, waren totgeborene Kinder, und ihr Wirken erfolglos. Sein; Wissen um die Geschehnisse des Dritten Reiches sei so gering und unvollständig gewesen wie das eines Durchschnittsbürgers. Mit einem Wort: er schritt durch die Schrecken des Dritten Reiches mit einer Binde vor den Augen."

Es kann nicht geleugnet werden, daß dies die Linie war, auf der sich einige der Angeklagten verteidigten. Der Staatssekretär v. Weizsäcker, die zentrale Figur des Prozesses, gehörte nicht zu ihnen. Ihm gegenüber wendet denn auch die Anklage eine andere Taktik an. Sie sucht ihn einmal mit Ribbentrop, dessen erwiesen schärfster Gegner er war, gleichzusetzen. Sie bestreitet ferner, daß er einer der Träger des heimlichen Widerstandes gegen die Hitlersche Politik war, und sie ist bestrebt, Weizsäcker zum Mitverantwortlichen für die Judenpolitik Hitlers ze stempeln.

Der Closingbrief der Verteidigung begegnet diesen Vorwürfen mit großer Ausführlichkeit. Weizsäcker leugnet nicht, daß er kraft seiner amtlichen Stellung Einblick in vieles hatte. So erklärte er im direkten Verhör: "Im Interesse des Widerstandes blieb ich im Amt und wenn ich im Amt blieb, so konnte ich in diesem Staat nicht verhindern, daß solche Papiere meinen Schreibtisch passierten, ich meine solche Papiere, die mit Deportationen und Arbeitslagern und Konfiskationen zu tun hatten. Ich wußte aber, daß der furchtbaren Entwicklung in der Judenfrage nur eines wirklich Einhalt gebieten konnte, nämlich Friede, und zwar Friede ohne Hitler und auf dieses Ziel habe ich mich konzentriert, und um hierzu eine Wirkungsmöglichkeit zu behalten, mußte ich in Kauf nehmen, daß meinen Schreibtisch Papiere passierten, die man in normalen Zeiten nur mit einer Zange angefaßt hätte, oder nicht einmal mit der Zange." Und an anderer Stelle bricht es aus diesem Angeklagten hervor? "Die Frage war doch nur die, wie komme ich meinem Ziel näher, im Amt oder außerhalb, und nicht, wie vermeide ich einen Fleck auf der weißen Weste, einen Fleck, auf den die Leute dann mit den Fingern zeigen können... Ich möchte hier nichtjnißverstanden werden. Ich verurteile diejenigen Leute nicht, die es für klarer, für richtiger, für reinlicher gehalten haben, diesem Fleck auszuweichen. Man hat aber in einer Diktatur gelernt, daß wer sich zurückhält, sich vielleicht nicht sichtbar schmutzig macht... .. Ich zog mich nicht zurück, denn ich wünschte handeln."

In diesen wenigen Sätzen liegt die ganze Tragik des deutschen Berufsbeamtentums, um dessen weiße Weste es hier geht. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß selbst. den um größte Objektivität bemühten Richtern hier Grenzen der Einfühlung gesetzt sind. Wer die Luft einer Diktatur nicht geatmet hat, wem das Klima des totalen Staates kein Begriff ist, der wird all dies schwer begreifen können. Und doch gab et dieses Klima, es gibt es noch heute: jenseits-des Eisernen Vorhangs, nur wenige Kilometer östlich von Nürnberg. St–tz.