Der britische Geschichtsphilosoph Arnold 1. Toynbee, von dem "Die Zeit" (Nr. 36, 1948) einen Aufsatz über Rußlands westliche Revolutionen" veröffentlichte, nimmt im Geistesleben der westlichen Kulturwelt einen hervorragenden Rang ein. Das im folgenden gewürdigte, noch nicht zum Abschluß gelangte Werk erschließt seiner Geschichtsdeutung über die Kreise der Wissenschaft hinaus das Interesse aller Menschen der Gegenwart, die nach einer Erklärung der problematischen Weltlage und ihrer historischen Zusammenhänge suchen. Der Claassen & Goverts-Verlag, Hamburg, wird Toynbees Buch "Studie zur Weltgeschichte (Wachstum und Verfall der Zivilisationen)" demnächst in deutscher Sprache erscheinen lassen.

I.

Im allgemeinen liegen heutzutage die aufsehenerregenden Leistungen auf naturwissenschaftlichem oder philosophischem, selten nur auf einem geisteswissenschaftlichen Fachgebiet. Des englischen Historikers Arnold J. Toynbees großangelegte, auf dreizehn Bände berechnete Deutung der Weltgeschichte "A Study of History" scheint eine Ausnahme zu bilden. Während der Verfasser die letzten Bücher des gigantischen Werkes am Institute for Advanced Study in Princeton (USA) vollendet, macht-eine von D. C. Somervell redigierte und vom Verfasser durchgesehene Abkürzung (1947, Oxford. UniversityPress, New York und London) ihren Weg durch die Welt.

Toynbee las im Jahre 1914 in Oxford über Tukydides, arbeitete im ersten Weltkrieg als Sachverständiger des Foreign Office für den Nahen Osten und war später Direktor des Royal Institute for International Affairs sowie Herausgeber der "Survey of International Affairs". In beiden: in Toynbees ausgebreitetem, besonders auf dem Gebiete der alten Geschichte überwältigendem Wissen und in seiner aus intensiver beruflicher Teilnahme an politischen Tagesfragen geborenen Fähigkeit, dies Wissen zu aktualisieren, liegen zweifellos Vorbedingungen für seinen sensationellen Erfolg, der aber doch die eigentliche Erklärung erst in den das Werk beherrschenden Gesichtspunkten findet. Toynbee bietet eine Behandlung der Weltgeschichte, die uns seit Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" geläufig ist. Er selbst hat an anderer Stelle kürzlich ausgeführt, wie starke Impulse er um 1920 von Spenglers Werk empfing. Bei tiefgehenden Unterschieden der Betrachtung im einzelnen hat er Spenglers grundsätzliche Wendung mitgemacht; die Wendung nämlich vom Einzelstaat zur umfassenden, übergeordneten Einheit, einer Einheit, die bei Spengler Kultur, bei Toynbee Society, Völkergesellschaft oder Zivilisation heißt. Die aus dem vorigen Jahrhundert überkommene Hochschätzung der einzelnen Nationalstaaten, der parochial states, der Staaten mit Kirchturmhorizont, tut Toynbee mit einer gewissen Verächtlichkeit ab. Für ihn ist der einzelne Machtstaat oder Nationalstaat kein geschichtliches Studienobjekt, keine in sich geschlossene und aus sich heraus verständliche Einheit. Aus sich selbst verständliche Einheiten, oder vorsichtiger gesagt, weitgehend aus sich verständlich, sind eben die societies, die Völkergruppen.

Toynbee teilt seine societies in tote und lebende ein, und weiterhin in primitive, denen Zahl Legion oder jedenfalls ungewiß ist, und in hochentwickelte, deren man seiner Meinung nach neunzehn oder bei genauerer Unterteilung einundzwanzig in der Weltgeschichte antrifft. Die Träger des geschichtlichen Lebens sind die hochentwickelten societies, die Zivilisationen, und Toynbee hat es sich zur Aufgabe gesetzt, Aufschlüsse über typische, erfahrungsgemäß im Schicksal aller Zivilisationen wiederkehrende Prozesse zu geben, also Entstehung und Wachstum, Niedergang und Zerfall der Kulturen, wie wir im Deutschen doch wohl weiterhin sagen würden, bis ins einzelne zu analysieren und zu beschreiben.

II.

Wie entstehen die Zivilisationen? Alle aus der Analogie zur Botanik, Zoologie und Biologie gewonnenen Erklärungsarten, mit denen man bis in die jüngste Vergangenheit ein so Verhängnisvolles Spiel getrieben hat, lehnt Toynbee radikal ab. Rasse und physische Umgebung, "Blut und Boden" schaffen keine Zivilisationen, sondern zivilisatorische Entwicklung beruht ganz allein auf einer geistigen Fähigkeit, und zwar der Fähigkeit zu dynamischer oder schöpferischer Nachahmung, aber es ist eine statische, am Gewesenen, an den Vorfahren orientierte Nachahmung. In den Zivilisationen nämlich werden schöpferische Menschen, Entdecker nachgeahmt, die ihre Entdeckungen gewiß häufig aus dem Bestand anderer, älterer Zivilisationen entnehmen und umwandeln – wie die abendländische Menschheit aus der Antike oder das moderne Rußland aus dem Westen. Aber ob originell oder nicht, jedenfalls hat Zivilisation im Gegensatz zur Primitivität immer beweglichen, dynamischen Charakter. Die Pioniere der Zivilisation, einzelne oder Nationen, lösen geistige und praktische Probleme, die als Schwierigkeiten, als "Herausforderungen" an die menschliche Gesellschaft herantreten. Es mag ein angelsächsischer Zug an Toynbee sein, daß er die Ursache für höhere Entwicklungen ausgesprochen in einem; praktisch-ethischen, kämpferischen Verhalten sucht und sie nicht wie Spengler als vom Schicksal oder der "Natur" gegebene und unbewußte Lebensäußerung ansieht.