Nicht nur der Reichtum der Schweiz veranlaßt sie, von der offenen Hand der USA keinen Gebrauch zu machen, obwohl die Schweiz zu den Marshall-Plan-Staaten gehört und auch an der Pariser Organisation dieser Länder aktiv mitarbeitet. Die Schweiz nutzt vielmehr ihre wirtschaftliche Stärke, um sich wenigstens in den ersten Phasen der amerikanischen Hilfe von der sehr umfassenden Planung und von den unvermeidlichen Eingriffen in die Wirtschaftspolitik der einzelnen Länder zu distanzieren.

In einem Punkte allerdings hat sich die Schweiz ihre traditionelle neutrale Vermittlerrolle auch im Zeichen von ERP gesichert. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ist durch das multilaterale Clearing-Abkommen, das. im Oktober 1948 in Paris unterzeichnet wurde, wiederum als Verrechnungsagent bestimmt worden. Die Fäden des Europa-Clearings laufen also durch diese internationale Bank auf Schweizer Boden.

Es ist nur zu begrüßen, daß die BIZ als Überbleibsel der Bestrebungen um europäische und weltwirtschaftliche Zusammenarbeit aus der Zeit nach dem ersten Kriege ihre beträchtlichen praktischen Erfahrungen in den Dienst dieser Vorstufe einer Europa-Devise stellt. Denn der "kleine Marshall-Plan" sieht für das erste Jahr Ansprüche von 13 Marshall-Plan-Gebieten im Werte von 810,4 Mill. $ gegenüber 12 europäischen Liefe-– Tanten vor. Die Länder und Gebiete sind in – beiden Listen die gleichen – mit Ausnahme von Griechenland, das zwar 66,8 Mill. $ Bezugsrechte eingeräumt bekommt, dagegen keine Verpflichtungen für 1948/49 zu übernehmen brauchte.

Auch an diesen Warenlieferungen ist die Schweiz nicht beteiligt. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß über ein kleines Teilgebiet der Marshall-Hilfe, nämlich die Förderung des Fremdenverkehrs aus Übersee, auch die Schweiz schon 1949 direkter Interessent an ERP wird. Der Verwalter der Marshall-Hilfe hat bereits kürzlich festgestellt, daß die ECA finanzielle Hilfe für den Wiederaufbau und die Verbesserung der Fremdenverkehrsindustrie in den ERP-Ländern gewähren werde. Die Reiselust der Amerikaner nach Westeuropa ist sehr groß (weltpolitisch ruhige Verhältnisse vorausgesetzt), und einen jährlichen Aufwand von 1 Mrd. $ allein von USA-Touristen in Europa hält man für keineswegs ausgeschlossen. In wenigen Ländern bedeutet der ausländische Touristenverkehr soviel für die einheimische Volkswirtschaft wie in der Schweiz. Und da man dort viel von der "beginnenden Verflachung der Konjunkturkurve" spricht, wächst dementsprechend die Lust, den Touristensegen auch auf die Schweiz ausstrahlen zu lassen.

Allerdings wäre es verfehlt, von ernsten Konjunktursorgen der Schweiz zu sprechen. Noch ist genügend Raum für Umlagerungen gegeben, wenn durch die Bedarfssättigung in manchen Fertig waren einige Industriezweige etwas geringere Beschäftigung aufweisen und auch die Investitionen einschließlich der industriellen Bautätigkeit nachlassen. Dafür ist jedoch der Wohnungsbau kräftig im Aufschwung: in 33 größeren Städten wurde" im dritten Quartal 1948 um 55 v. H. mehr Wohnungen gebaut als im entsprechenden Zeitraum 1947, und damit der höchste Wohnbaustand seit 1932 erreicht. Die Ausfuhrindustrien verzeichne" gleichfalls noch Verbesserungen, allerdings ebenfalls mit Verlagerungen zugunsten von Maschinen, Instrumenten und Apparaten. Da gleichzeitig die Einfuhren infolge der Bedarfssättigung nachlassen, ist der Passivsaldo der Handelsbilanz im dritten Quartal auf 227 Mill. sfr. gesunken gegen-384 Mill. in der gleichen Vorjahreszeit. Dies bedeutet angesichts der hohen unsichtbaren Exporte der Schweiz eine neue Stärkung der Gold- und Devisenreserven. Es bleibt also ein sehr günstiges Bild – und auch weiterhin die Möglichkeit, daß die Schweiz den Kapitalexport in das übrige Europa wieder einmal aufnimmt wenn sich das politische Risiko und die erzielbaren Zinsen in Übereinstimmung bringen lassen.