Von Ernst Kreuder

Das deutsche Schauspielhaus Hamburg, das am Ende der vorigen Spielzeit Hans Henny Jahnns Drama "Armut, Reichtum, Mensch und Tier" gemeinsam mit den Bühnen in Wuppertal zur Uraufführung brachte, hat das Stück in dieser Saison, obwohl es im vergangenen Sommer nur wenige Male gespielt werden konnte, nicht wieder in den Spielplan aufgenommen. – Ernst Kreuder, dessen neuer Roman "Die Unauffindbaren" im Rowohlt-Verlag erschienen ist, setzt sich hier in temperamentvoller Weise für Jahnns schwerblütiges, nordisches Drama, in dem der Bauer Manao Vinje zwischen zwei Frauen gestellt ist, ein.

Wenn in unseren Tagen die Aufführung eines Bühnenwerkes, das sich dem Urteil des Unvoreingenommenen und Erfahrenen als eine dichterische Leistung von Rang zu erkennen gibt, widerstrebende und zwiespältige Aufnahme findet, dann stellen sich zunächst die folgenden Fragen: war die Aufführung die bestmögliche, gab es in der Besetzung gewichtige Fehlgriffe, bewirkte das Spiel der Darsteller den geforderwirkte das Spiel der Darsteller den geforderten atmosphärischen und szenischen Bann? Denn schließlich schöpfen wir auch heute noch nirgends wieder – aus dem Vollen, wenngleich gerade die deutschen Bühnen bisher Bedeutendes geleistet haben.

Es soll hier nicht untersucht werden, wie diese Fragen beantwortet werden müßten, weil wir. die wesentlichste Frage stellen wollen: waren die Zuschauenden und die Berichtenden aufgeschlossen, aufmerksam und vorbereitet genug, im geistigen wie im musischen Sinne, waren sie vorurteilslos und besonnen genug, um das Gewicht und die lautere Mächtigkeit, um die Wahrhaftigkeit und das schöpferische Maß einer solchen Dichtung zu erleben und zu erkennen?

Diese Frage kann angesichts der Uraufführung von Hans Henny Jahnns Drama "Armut, Reichtum, Mensch und Tier" in Hamburg und in Wuppertal nicht bejaht werden.

Was erwartet nun heute der Besucher, der abends ins Theater geht? Seine Erwartungen umfassen zumindest jenen Komplex, den der Begriff "Theater" in jedem Sinne bedeutet. Hier begeben wir bereits einer ernsthaften Schwierigkeit Zweifellos besitzt auch Jahnns neuestes Drama unmittelbare Bühnenwirksamkeit, doch nicht in dem geläufigen, sondern in einem anspruchsvollen Sinne, so daß es die herkömmwird. Erwartungen zunächst weniger erfüllen wird. Es könnte vor allem diejenigen enttäuschen, die längst durch moderne amerikanische und französische Bühnenstücke von außerordentlich hohem theatermäßigem Reiz "verwöhnt" worden sind. Dieses Verwöhntwerden wurde schon bis zur Grenze getrieben, selbst dichterische Werke von Rang sind in ihren szenischen Effekten so weit gegangen, dem Zuschauer alles zu erlassen und nur noch eines von ihm zu fordern: den Zustand der äußersten Erregung. Sie haben in enigen Fällen eine solche Intensität und Vehemenz, der Darstellung erreicht, daß den Zuschauenden nur noch ein Verhalten übrigblieb: sich packen und sich fortreißen zu lassen.

Jahnns Drama vollzieht diese Erregung kaum mit den erwarteten und nun schon gewohnten Mitteln. Dabei ist die Handlung dieses Bühnenwerkes in ihrem Zuschnitt von einer sich unweigerlich steigernden, jedoch mehr untergründigen, lastenden Spannung, die auch den passiven Besucher noch bewegen und bannen muß. Man kann die Bedeutung eines Bühnenstückes aber nicht allein an der Spannung, die es bewirkt, bemessen. Spannung und inneres Teilnehmen sind nicht dasselbe. Bezieht die Spannung ihrenAntrieb aus der Handlung (und damit aus der Zukunft, dem Element des Ungewissen) also aus der Zeit, so wird die innere Teilnahme zugleich in einer anderen Dimension vollzogen, nämlich aus dem Sinn der Geschehnisse heraus. In der erzählenden Literatur der Gegenwart unterscheidet sich darin der spannende, der fesselnde "Schriftsteller-Roman" von jenem epischen Kunstwerk, das in den Bereich der Dichtung eintritt und eine schon meditative Lektüre, um nicht zu sagen eine Art poetischen Studiums verlangt. Nicht der höchste Rang, ist die literarische Virtuosität!