Im Hafen von Esbjerg lag ein schöner, weißer Passagier- und Frachtdampfer: die "Parkestone". Wir warteten bis Mitternacht, schlichen – zwei dunkle Schatten – durch die Hafensperre, verfangen, uns in einem Schuppen und lauerten auf den Augenblick, in dem wir am besten an Bord gehen konnten. Blinde Passagiere – so weit hatten wir es nun schon gebracht. Es war nachts gegen drei Uhr dreißig. Aufrecht, aber mit weichen Knien steuerten wir auf das Fallreep los. Rauf zum Aufbaudeck, den Steuerbord-Seitengang entlang, hoch zur Brücke. Beim Kapitän brannte noch Licht. Schnell zu den Booten. Alles war still. Wir kletterten in das mittlere Boot, machten die Plane über unseren Köpfen dicht, warteten und warteten. Langsam graute der Morgen durch die Persenning. Nach und nach die vertrauten Geräusche, die auf allen Schiffen der Welt dieselben sind: Wasserplätschern und das Hantieren der Schrubber an Deck..., das Gebrüll der Dampfsirene..., das Angehen der Maschine ..., das Klingeln des Telegrafen von der Brücke her ..., ein paar Pfiffe..., das rhythmische Stampfen der Kolben, die auf Touren kamen..., das wohlige Zittern, welches das ganze Schiff durchlief. Und dann nach Stunden die ebenso vertrauten Geräusche, an denen man das Festmachemanöver erkennt: wir waren in England, in Harwich. Wir warteten bis zur Nacht. Als wir das Boot verließen, brannten die Tiefstrahler für die Ladeluken noch. Nur fort, so schnell wie möglich! An Deck war alles still, nur am Fallreep stand ein einsamer Seemann. Wir stolz vorbei mit einem verdrießlichen "Good night". Wie Schatten glitten wir durch die Hafenzollkontrolle. Die Straße nach London war leicht zu finden, und es war auch nicht schwer, die vorübersausenden Lastkraftwagen anzuhalten und ihre Fahrer zu bitten, uns ein Stück des Wegs nach London mitzunehmen. In London angekommen, fanden wir, daß jedes Bankhaus in der Lage war, unsere dänischen Kronen-gegen Schillinge umzuwechseln. Aber diese Schillinge reichten gerade aus, die Autobusse zu benutzen.

Was tun die Deutschen im Ausland? Sie betrachten die historischen Sehenswürdigkeiten, besuchen Kirchen, Museen, Gemäldegalerien, Denkmäler. Was tut der arme Mann in London? Er schläft im Hydepark.

Nacht für Nacht haben wir im Hydepark geschlafen. Ja, man kann sagen, daß der Hydepark sich zu unserer Londoner Heimat entwickelte. Und die "Fneiluftredner", die an der Hydepark Corner sich temperamentvoll darin ergingen, ihre Regierung in Stücke zu reißen, waren schließlich, als unser Geld endgültig zur Neige gegangen war, unser einziges Vergnügen. Drei Wochen London-Aufenthalt und noch immer war es uns nicht gelungen, an südamerikanische Schiffe heranzukommen. Der eiserne Zaun um den Freihafen war zu hoch und die Polizeiposten vor den Toren und Schiffen waren zu wachsam. Es war anscheinend leichter, illegal nach England herein – als wieder herauszukommen.

Wie klein doch die Welt ist! Mitten im dicksten Geschäftsverkehr der Achtmillionenstadt traf ich eine Bekannte aus Hamburg, die, als sie meine Geschichte vernommen hatte, sofort beschloß, mich bei ihren Londoner Freunden unterzubringen. Es waren drei ehemalige Deutsche, die zusammen wohnten. Endlich ein Bett – herrliche Freude! Mitten in der Nacht wurde ich unsanft hochgerissen "Du mußt sofort verschwinden, man hat der Polizei Bescheid gesagt, sie – wird gleich zur Stelle sein!"

Es war eine halbe Nacht, die ich in London unter Deutschen zugebracht hatte, einer von ihnen hatte mit der Polizei telefoniert... Ich stand auf der Straße, Tränen der Wut in den Augen. Und Südamerika, das heiß ersehnte, schien unerreichbarer denn je. Gegen Morgen war ich so weit, daß ich mich entschloß, mich einem Engländer anzuvertrauen, mit dem ich durch einen Zufall in den Wochen vorher in ein Gespräch geraten war und der mir seine Adresse gegeben hatte. Er lud mich, da gerade Wochenend war, ein, zu seinem Weekend haus mitzukommen. Eine lange Nacht der Unterhaltung. Ich sprach von Südamerika, er sprach von Deutschland.

"Sie sind doch Europäer. Ihr Platz ist hier. Versuchen Sie, Ihr Leben in unseren Zonen aufzubauen. Wir brauchen Männer, genau so gut wie die da drunten ..."

"Ich spüre nicht, daß man uns Deutsche in Europa eine Chance geben will. Sind wir nicht Nazis in aller Augen? Sind wir nicht Deutsche? Ein Volk, zweigeteilt und doch noch zuviel auf der Welt?"