In den ersten Tagen des neuen Jahres standen Ketten von Ostsektorenpolizisten in den Schächten der S- und U-Bahnhöfe am Potsdamer Platz und an den Haltestellen der Straßenbahnen. Die Mauer zwischen – Westberlin und Ostberlin wurde durch die Markgrafpolizisten, die Rucksäcke der Westberliner nach Kartoffeln und Schnürsenkeln durchwühlen, sehr lebendig symbolisiert. Zurgleichen Zeit beschloß der Berner Magistrat ein "Berggesetz", das der Stadtverwaltung von Berlin-West die Möglichkeit geben soll, die unter der Erde lagernden Braunkohlenbestände im Laufe den kommenden Monate abbaureif zu machen. Von der Ankündigung des Bergbaufachmannes Dr. Friedensburg bis zum kommunalen Gesetz, das nach der Chance einer vermutlichen Tagesförderung von 1000 t Braunkohle fahndet, war im Zeichen der verschärften Berlin-Blockade nur ein, Schritt von = wenigen Wochen; Die Paradoxie einer enorm –, kostspieligen Luftbrücke im Frieden ergänzt sich hier durch die absurd anmutende Verwandlung des Berliner Bodens zum Kohlenbergwerk.

Es wird vermutlich Spätsommer werden, bis Unter Reinickendorf und Spandau die ersten Kohlen gefordert werden können. Daß dieser Schritt getan wird, ist einneues Zeichen für die – realistische Einsicht, die’-Blockade nicht nur als einen sehr vorübergehenden Übelstand hinzunehmen, sondern als einen Zwang, der zu weiterreichenden Notmaßnahmen auffordert. Unter diesen Auspizien hat auch der Neujahrsparteitag der Berliner SPD sich seine Jahresaufgaben gestellt.

Es ist eine wenig tröstliche Bilanz, wenn die Berliner Wirtschaft am Jahresanfang feststellen muß, daß ihr die Blockade 60 v. H. ihrer Leistungskraft genommen hat und daß sie von dem täglichen Lufttransportraum für Berlin mindestens 1500 t für Rohstoff – Einflüge braucht, um wenigstens diese Wirtschaftskapazität aufrechterhalten zu können. Die durchschnittliche tägliche Frachtquote, die im letzten Monat Berlin auf dem Luftweg erreicht hat, liegt zwischen 4500 und 5000 Tonnen. Die Lebensmittelnorm für Westberlin beträgt aber bereits 2000 Tonnen, so daß für Kohlentransporte nur wenig übrigbleibt. Allerdings, die Jahresbeginn-Hoffnungen knüpfen sich an den ungewöhnlich milden Winter, der bislang der günstigste Faktor im kalten Krieg gegen die Stadt Berlin ist. Berlin wird beherrscht von der Luftbrücken-Politik, von einer (Versorgungspolitik für die belagerte und feindlich umspülte Insel. Es hängt von den Westmächten ab, wie viele Flugzeuge sie für Berlin Sur Verfügung haben und zur Verfügung stellen. Es hängt von ihnen ab, was, sie in diesen Flugzeugen transportieren. Es hängt auch von ihnen in welchem Maße diese Leistungen zu forcieren oder zu bremsen sind. Daß die Luftbrücke das Fundament aller Berliner Politik des neuen Jahres ist, verschwindet beinahe aus dem Bewußtsein, nachdem sie zum selbstverständlich funktionierenden Bestandteil der Versorgung geworden ist. Auf sowjetischer Seite ist diese Selbstverständlichkeit nunmehr, nachdem die psychologisch schwersten Vorweihnachtswochen vorbeigegangen sind, realistisch zur Kenntnis genommen worden. Die Erwartungen, daß "der Winter" zur Liquidierung der westlichen Position in Berlin führen müßte, sind schon heute überholt und abgeschrieben. Nur ganz vereinzelt stoßen noch ein paar sowjetisch lizenzierte Radaublätter in die niemanden mehr schreckende Trompete und verkünden, die Westberliner Vorräte müßten nun endgültig in zehn Tagen erschöpft sein. Die Blockade ist jetzt zu einem Normalzustand geworden. Das Bewußtsein, – daß die Blockade zwar barbarisch und unmenschlich, aber nicht tödlich ist, hat Berlin zu einer neuen; Initiative gesammelt: zu der-Initiative, einen neuen Arbeitsam! Wirtschaftsmaßstab zu finden. Die Stadt will, obwohl sie in Dunkelheit und Kälte gestoßen ist, nicht müßig sein. Das Berggesetz ist Ausdruck dieses zähen Willens zum Leben und zur Arbeit. K. W.