Von Christoph Dönhoff

Ein sensationeller ForschungserfolgAus England kommt soeben die Meldung, daß es den Chemikern Dr. D. G. Dave? und Dr. F. H. Curd von den Imperial Chemical Industries nach zwanzigjähriger Laboratoriumarbeit gelungen, sei, ein wirksames Mittel gegen dieTsetse zu entwickeln.

Die Tsetse ist eine Afrikanische Stechfliege –wer wüßte dies nicht! Sie gehört zu den Glossina-Arten. Am bekanntesten ist die Glassina palpalisdie Fliege, die diemenschliche Schlafkrankheit überträgt und die durch das von deutschen Forschern entwickelte "Germanin" (Bayer 205) schließlich ihre Schrecken verlor. Das neue, als "Antrycid" bezeichnete Mittel der englischen Forscher Davey und Curd richtet sich gegen andere Glossina-Arten (Morsitans, Swynnertoni, Pallidipes), deren Stich Haustier, insbesondere Rindvieh, mit der tierischen Schlafkrankheit infiziert, die ausnahmslos zum schnellen Ende des gestochenen Tieres führt. Diese Arten der Tsetse haben große Teile des tropischen Afrika bis tief in den Süden und Südosten des Kontinents hinein verseucht. Sie leben dort vom Blute der großen und kleinen Wildarten, die den Erreger der allgemein mit dem eingeborenen Namen "Nagana" bezeichneten tierischen Schlafkrankheit ständig in sich tragen, selber aber gegen die Wirkungen der Krankheit immun geworden sind. Gelangen aber Haustiere, vor allem Viehherden, in die Tsetsegebiete, so sind sie der Stechfliege ungeschützt ausgesetzt: da sie nicht immun gegen die – Schlafkrankheit sind, geht jedes Stück unwiderruflich ein. Auf diese Weise können noch heute buchstäblich Millionen Quadratkilometer wertvollen Weidelandes in Afrika vieuwirtschaftlich nicht genutzt werden. Es gab allerdings Leute, die der Tsetsefliege dankbar varen; dies waren die Zoologen, die erkannten, daß es allein das Verdienst, der Tsetse sei, wenn die afrikanische Großtierwelt in riesigen Reservaten des schwarzen Kontinents Rückzugsgebiete fand und so bisher dort relativ unbehelligt blieb...

Das ist freilich eine wenig zeitgemäße Betrachtungsweise. Denn das Problem unserer Zeit ist es, wie man den Menschen helfen könnte. Auch in Afrika kennt man das Wort "Bevölkerungsdruck", und die afrikanischen Verwaltungen und Regierungen sind der Meinung, daß der Ausfall großer Territorien für die Wirtschaft untragbar sei. Die verschiedensten Wege wurden daher beschritten, die "Tsetsegebiete" den Herden der Eingeborenen zugänglich zu machen, aber keiner führte zum Ziel. Schließlich setzte sich schon vor zehn Jahren eine Methode durch, die geeignet ist, selbst den abgebrühtesten Zeitgenossen des zwanzigsten Jahrhunderts erschauern zu lassen...

Die zuständigen Leute argumentierten nämlich: "Die Tsetse lebt vom Blut warmblütiger Tiere. Der einzige Weg, sie los zu werden, ist: sie auszuhungern. Also müssen wir ihr die Ernährungsbasis entziehen. Kurzum: wir müssen die gesamte

Großtierwelt vom Elefanten bis zu den Antilopen, dazu auch die kleineren Säugetiere und darüber hinaus sogar noch alle größeren Vögel bis auf das letzte Exemplar ausrotten. Dann wird auch die letzte Tsetse verhungern, und dann können wir unbesorgt unsere Herden in die Steppen und Savannen treiben, in denen alles Leben erloschen ist..." Das ist die afrikanische Tragödie. Man denke: Nicht genug damit, daß die Zivilisierung der Welt in immer rascherer Reihenfolge eine Tierart nach der anderen auf Nimmerwiedersehen auslöschte; jetzt schlug man allen Ernstes vor, auf den noch am meisten von Leben erfüllten Teilen dieses Planeten eine ganze Schöpfung bewußt und planmäßig auszurotten, damit der menschliche Wirtschaftsraum ausgedehnt werden könnte. Man glaubte, reicher zu werden, indem man an anderer Stelle verarmte.Und alles dies um einer Fliege willen! Inallen, zivilisierten Ländern flammten die Proteste auf. Sie sagten: der Gewinn zusätzlichen Weidelandes rechtfertige nicht eine solche "Kulturschande". Sie sagten weiter: die Folgen für den biologischen Haushalt seien gar nicht abzusehen, wenn man die gesamte warmblütige Lebewelt ausrotte und den Insekten und Parasiten freien Lauf lasse. Sie sagten ferner: es sei noch nicht einmal sicher, daß die Tsetsefliegen restlos aussterben würden, denn es sei nachgewiesen, daß sie sich zur Not auch von Mausen und Singvögeln am Leben erhalten könnten, die gänzlich auszurotten praktisch nicht möglich sei.

Aber gegen die landhungrige Wirtschaft halfen keine Proteste. Kühl und sachlich begannen unter Vortritt Südrhodesiens die Kolonial Verwaltungen mit ihrem Vernichtungsfeldzug. Seit mehr als einem Jahrzehnt streiten ganze Jägerbataillone das Land ab und schießen alles tot, was Leben zeigt, und rotten mit Fallen und Gift aus, was ihren Gewehren entgeht. Das Ergebnis ist grauenhaft. Hunderttausende von Antilopen liegen auf der Strecke, Im Jahre 1945 wurdenallein in Südrhodesien wieder 27 272 Stück größeren Wildes von Staats wegen vernichtet. Andere Territorien haben vor kurzem begonnen, diese kaltschnäuzige Methode zu übernehmen. Das Ende der einzigartigen afrikanischen Großtierwelt stünde dicht bevor, verursacht durch, ein Insekt von der Größe einer Pferdefliege, dem bisher das Verdienst zukam, die letzten Rückzugsgebiete dieser Tierwelt vor dem Zugriff des Menschen geschützt zu haben, das Ende stünde bevor, wenn nicht ...,

Damit wird das entscheidende Verdienst klar, das sich die beiden englischen Forscher mit der Entwicklung des "Antrycid" erworben haben. Ein Haustier, sei es Rind, Pferd, Schwein oder Schaf, das mit dieser Injektion behandelt wird, ist nach den bisher gemachten Versuchen nicht nur geheilt wenn es schon von der Nagana befallen war, sondern ist auf Lebenszeit immun gegen die Übertragung dieser tierischen Schlafkrankheit durch den Stich der Tsetse. Es scheint also, als sei der Tragödie der afrikanischen Tierwelt noch einmal ein vorläufiges Happy-End zugedacht. Denn soweit das Futter reicht, werden nun die freilebenden Tiere sich mit den Viehherden in die Weidegründe teilen können. Die Wirtschaftlerdesschwarzen Kontinents können zusätzliches Land besiedeln, ohne sich des vorsätzlichen Mordes an einer ganzen Schöpfung schuldig zu machen. Außerdem aber kann nun für Millionen Stück Großvieh im Rahmen eines europäisch-afrikanischen Kombinats neuer Weideraum beschafft werden: Ja, es ist nicht zuviel gesagt, wenn man feststellt, daß sich damit die Basis auch der europäischen Versorgung mit Fleisch, Fetten und Häuten auf das Mehrfache ihres bisherigen Umfanges verbreitern läßt. So reicht der Erfolg der stillen Laboratoriumsarbeit der beiden Engländer nach zwei Seiten hin so weit, daß wir ihn erst in Jahrzehnten in seiner ganzen Materiellen Bedeutung werden ermessen können. Immerhin wird heute schon sichtbar, daß dieser Erfolg eine symbolhafte Bedeutung dafür hat, wie menschlicher Geist, am richtigen Orte fruchtbar wirkend, die Brutalität gewisser Versuche, mit der Not des Lebens fertig zu werden, überwinden kann!