Immer noch ist Karel Capek, der tschechische Autor, viel zuwenig in-Deutschland bekannt. Der Arztsohn aus Böhmen, der in Prag, Berlin, Paris studierte und ein Freund des Präsidenten Masaryk wurde, verfügte über jene Verbindung von Weisheit und Humor, die heute so selten geworden ist. Capelle starb 1938 im Alter von noch nicht fünfzig Jahren.

Die Polypen", sagte Herr Menschik, "haben es leicht, einen Mord aufzuklären, wenn von einem Berufsverbrecher – verübt worden ist. Auf die Berufsverbrecher kommt man gewöhnlich sehr schnell. In so einem Falle schnappt man alle notorischen Lumpen, die gerade frei herumlaufen, und jetzt, Kerl, erzähl, was du für ein Alibi hast. Hat er keines, dann ist er es. Die Polizei arbeitet nicht gern mit unbekannten Faktoren und Größen. Ich möchte sagen, sie versieht, sie auf bekannte oder notorische Größen zu bringen. Wenn, die Polizisten einmal jemanden in die Klauen kriegen, so messen sie ihn und nehmen ihm Fingerabdrücke ab, und dann gehört er schon ihnen, von dieser Zeit an wenden sie sich – mit Vertrauen an ihn, sobald etwas passiert. Sie kommen aus alter Bekanntschaft zu ihm, so wie man zu einem Friseur oder in seinen Tabakladen geht. Schlimmer ist es, wenn ein Nichtfachmann oder ein Neuling ein Verbrechen begeht, sagen wir, Sie oder ich. Da ist es für die Polizei schon schwieriger, der Sache auf den Grund zu kommen.

Ich habe einen Bekannten bei der Polizeidirektion. Er heißt Regierungsrat Pitta und ist der Onkel meiner Frau. Dieser Pitta also sagt, wenn es ein Einburch ist, so hat ihn irgendein-Fachmann gedreht, und wenn es ein Mord ist, so hat ihn irgendwer aus der Familie begangen. Er hat so feststehende Ansichten, der Herr Pitta. So behauptet er zum Beispiel, daß ein Mensch, nur selten einen fremden Menschen ermordet, weil das gar nicht so einfach sei. Da ergäbe sich schon eher unter Bekannten Gelegenheit und im Haushalt liege das geradezu auf der Hand. Wenn man dem Regierungsrat Pitta irgendeinen Mord gibt, so versucht er zu erfahren, wer ihn im den geringsten Schwierigkeiten hatte durchführen können, und dem geht er nach. ‚Weißt du‘, sagt er, ‚ich habe keine Spur Phantasie oder Scharfsinn. Bei uns wird dir jeder bestätigen, daß ich der ärgste Trottel in der Direktion bin. Weißt du, ich bin genau so primitiv wie der Mörder; und was mir einfällt, ist ebenso alltäglich, gewöhnlich und dumm wie seine Beweggründe, sein Plan und seine Tat, und ich sage dir, daß ich gerade dadurch den meisten auf die Spur komme.‘ Ich weiß nicht, ob sich jemand, von Ihnen an die Ermordung dieses exotischen Barons Gandara erinnert. Das war so ein geheimnisvoller Abenteurer. Haare hatte er wie ein Rabe und schön war er wie Luzifer. Er wohnte in einer der Villen am Gröberpark, und was dort alles vorgefallen ist, das läßt sich gar nicht erzählen. Einmal gegen früh hörte man bei der Villa zwei Revolverschüsse. Es gab einen Alarm und dann fand man den Baron im Garten der Villa erschossen. Die Brieftasche war weg, aber sonst wir keine brauchbare Spur zurückgeblieben. Kurz, ein rätselhafter Fall erster Klasse. Diesen Mord also bekam mein Onkel Pitta, weil er gefade nichts anderes zu tun hatte. Aber sein Chef sagte ihm im vornhinein so nebenbei: ‚Herr Kollege, dieser Fall ist zwar, nicht in Ihrem gewöhnlichen Stil; aber trachten Sie zu zeigen, daß Sir noch nicht reif sind für die Pensionierung? Onkel Pitta brummte nur, er werde sehen und begab sich an den Tatort. Selbstverständlich fand er nichts; er schimpfte die Detektive zusammen, ging wieder heim, setzte sich an seinen Tisch und zündete sich die Gipspfeife an. Wer ihn in diesem stinkigen Rauch gesehen hätte, würde vermutet haben, daß Herr Pitta über seinen Fall nachdenke. Aber weit gefehlt, Onkel – Pitta dachte nicht nach, weil er das Nachdenken grundsätzlich verwarf. Der Mörder denkt auch nicht‘, sagte er, ,dem fällt entweder etwas ein oder es fällt ihm nichts ein.‘ – Den anderen bei der Direktion tat Onkel Pitta leid. Das ist kein Fall für ihn, meinten sie. Schade um so einen schönen Fall. Pitta ist für alte Weiber, die von ihrem Neffen oder dem Liebhaber ihrer Dienstmädchen umgebracht wurden. Da suchte einer der Kollegen, Kommissär Mejzlik, so von ungefähr Onkel Pitta auf, setzte sich auf den Tisch und sagte: "Also, Herr Rat, was gibt’s neues mit dem Gandara?’ ‚Vielleicht hat er einen Neffen‘, meinte Onkel Pitta.

‚Herr Rat‘, entgegnete Dr. Mejzlik, um ihm zu helfen, ‚das wird wohl ein etwas anderer, Fall sein. Ich sage Ihnen nur so viel, daß Gandara ein großer internationaler Spion gewesen ist. Wer weiß, um was für sonderbare Sachen es sich da handelt. Mir geht es nicht aus dem Kopf, daß seine Brieftasche verlorengegangen ist. Ich an Ihrer Stelle würde trachten, mich zu informieren –.‘

Onkel Pitta schüttelte den Kopf. ‚Herr Kollega‘, sagte er, ‚wir haben jeder unsere Methode. Zuerst muß man untersuchen, ob es nicht irgendwelche Verwandten gibt, die ihn beerben könnten.‘

,Zweitens‘, meinte Dr. Mejzilk, ‚ist uns bekannt, daß Baron Gandara ein schwerer Glücksspieler war. Sie gehen nicht in Gesellschaft, Herr Rat, Sie spielen nur bei Menschiks Domino und haben keine Bekannten. Wenn Sie wollen, erkundige ich mich mal, wer in den letzten Tagen mit ihm gespielt hat.‘ Onkel Pitta sah finster drein. ‚Hören Sie‘, sagte er, ‚das ist nichts für mich. Ich habe niemals in diesen höheren Kreisen gearbeitet, und auf meine alten Tage fange ich mir damit nicht an. Lassen Sie mich in Ruhe mit Ehrenschulden, so einen Fall hab ich mein Lebtag nicht gehabt. Wenn es kein Familienmord ist, dann, wird es ein Raubmord sein, und den müßte jemand von den Hausleuten ausgeführt haben. So ist es in der Regel. Möglich, daß die Köchin einen Neffen hat.‘ ‚Oder Gandaras Chauffeur‘, meinte Dr. Mejzlik, um den Onkel zu ärgern. Onkel Pitta schüttelte den Kopf. ,Chauffeur‘, sagte er, ‚so etwas hat es zu meiner Zeit noch nicht gegeben. Ich erinnere mich nicht, daß ein Chauffeur je einen Raubmord begangen hätte. Chauffeure saufen oder stehlen Benzin, aber daß sie, morden würden, das ist mir noch nicht untergekommen. junger Mann, ich halte mich an meine Erfahrung. Wenn Sie einmal so alt sein werden wie ich –.‘ Dr. Mejzlik wurde ungeduldig. "Herr Rat‘, meinte er rasch, es gibt da noch eine dritte Möglichkeit. Baron Gandara hatte ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau! Herrgott! Die schönste Frau von Prag! Vielleicht ist es ein Mord aus Eifersucht!‘ –

‚Das kommt vor", stimmte Onkel Pitta bei. "So einen Mord habe ich schon fünfmal gehabt. Und was ist der Ehemann der Dame?