an muß nicht sehr feinfühlig sein; um zu spüren, daß in letzter Zeit eine Welle von Abneigung und Kritik aus dem Ausland auf uns zuströmt. Immer wieder bekommen wir es zu, hören: deutscher Nationalismus, deutsche Arroganz, totaler deutscher Gedächtnisverlust. Und es ist bemerkenswert, daß nicht etwa in der französischen, sondern in der englischen Presse Mißvergnügen und Tadel am häufigsten und am schärfsten zu Wort kommen. Sehr unzweideutig wird uns bescheinigt, daß wir unbeliebt sind. Die abfälligen Äußerungen sind so gleichzeitig und so einmütig, daß man sie – jedenfalls für den Augenblick – als öffentliche Meinung, hinnehmen muß. –

Diese unbezweifelbare. Anti-Deutschland-Stimmung im Ausland sollte von uns nicht überschätzt, aber auch nicht unterschätzt werden. Wir müssen sie weder als eine ewige und unabänderliche "Deutschfeindlichkeit" werten, noch als eine momentane Gereiztheit, die durch ein einzelnes Vorkommnis – etwa die deutsche Reaktion auf das Ruhrstatut – erklärt werden könnte. Vielmehr kommt hier etwas sichtbar an die Oberfläche, das zwar schon vorhanden war, aber bisher keinen rechten Anlaß hatte, sich in beredten Worten Luft zu machen: eine sehr grundsätzliche Haltung des Mißtrauens, das durch keine Sympathie gemildert wird: Die Heftigkeit, mit der man bei uns nationale Charakterfehler feststellt, sobald ein deutscher Politiker starke Worte gebraucht, läßt erkennen, wieviel "kollektiver" die Welt die Deutschen beurteilt als etwa die Russen. Von Moskau her mag das Schlimmste geschehen, die Weltöffentlichkeit wird es nicht als typisch russisch sondern als kommunistisch, als imperialistisch, als totalitär verdammen, Das russische Volk ist gar nicht verhaßt, nur das in der Sowjetunion herrschende politische System. Bei uns dagegen mag ein Mann durch sein ganzes Lebenswerk noch so sehr als Demokrat und Pazifist bewährt sein, das schützt ihn nicht vor dem Vorwurf des "deutschen". Nationalismus, sobald er etwas sagt, was Mißfallen erregt. Wenn ein Deutscher sich äußert. so spricht, vom Ausland her gesehen, der deutsche "Volksgeist" durch den Mund eines Deutschen, und zwar ein wenig sympathischer Volksgeist. An diesem seltsamen Hegel-Bumerang zeigt sich sehr deutlich, daß wir wirklich das unbeliebte Volk Nr. 1 sind.

Nun, wir sind die letzten, die mit dem römischen Kaiser Caligula sagen dürften: "Mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten". Denn wir wollen ja gar nicht gefürchtet werden, und wir sind ehrlich überzeugt, daß es – jedenfalls seit 1945 – eine "deutsche Gefahr" nicht mehr gibt. Und es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn man uns mit mißtrauischer Abneigung begegnet. Diese Haltung des Auslands ist für Deutschland ein außenpolitischer Tatbestand. Er ändert sich nicht ohne weiteres dadurch, daß, wir ihn theoretisch widerlegen. Er ändert sich noch weniger dadurch, daß wir unsere eigenen Abneigungen, unser eigenes Mißtrauen dagegensetzen. Und es hat erst recht keinen Sinn, hier – an etwas Unabänderliches zu glauben, denn nichts ist so schlimm daß es sich nicht verbessern ließe. Wir sollten uns also sehr ernsthaft innerhalb des Spielraums umsehen, der uns zur Verfügung steht, um das Unerfreuliche etwas weniger unerfreulich zu gestalten Deutschland ist das von fremden Mächten abhängigste Land der Welt. Auch das bleibt bis auf weiteres ein außenpolitischer Tatbestand.

Daran, daß man uns wenig liebt, weniger, jedenfalls als andere Völker, wird sich am schwersten etwas ändern lassen. Vom Ausland her gesehen, fehlt uns nun einmal die Lebenskunst der Franzosen, der Humor der Angelsachsen. Vom Ausland her gesehen, wirkt das Gespräch mit Deutschen schwerfällig, langatmig, theoretisch, verglichen, mit französischem esprit und mit angelsächsischem common sense. Die deutsche Gründlichkeit geht anderen Völkern auf die Nerven. Im internationalen Verkehr wirken sich die leichtbeschwingten Vorzüge eher aus als jene, die erst bei intimer Bekanntschaft, bei wirklicher Freundschaft wahrgenommen werden. Das gilt auch für die großen Kulturgesandtschaften von Volk zu Volk. Wir haben nichts, was mit dem amerikanischen Film, der englischen Unterhaltungsliteratur, der französischen Mode auf gleicher Ebene liegt, auch nichts, was dem Wiener, Walzer oder dem finnischen Sport vergleichbar. wäre. Die klassische, deutsche Musik ist da ein Gesandter weit schwereren Kalibers, der wohl in die Tiefe, aber nicht in die Breite wirkt. Die ganze Welt hat Dickens und Dumas verschlungen, ist dadurch irgendwie in England und Frankreich heimisch geworden. Goethe oder selbst Thomas Mann werben dagegen außerhalb Deutschlands nur von verhältnismäßig wenigen gelesen und gewürdigt. Ein Volk genießt nicht deshalb geringe Sympathien, weil es abstoßende Eigenschaften hat, sondern deshalb, weil ihm anziehende Eigenschaften fehlen. Unser Mangel an Leichtigkeit, an Charme, trägt am meisten dazu bei, daß wir ein vergleichsweise ungeliebtes Volk sind. Ungeliebt heißt noch nicht unbeliebt. Aber es heißt jedenfalls soviel, daß keine Gegengewichte vorhanden sind, wenn das politische Urteil auf eine harte Probe gestellt wird; Uns gegenüber kommt sehr schnell der Augenblick, wo aus mangelnder Zuneigung offene Abneigung wird. Und dieser Augenblick ist längst gekommen. Das begann mit dem verspäteten und deshalb beschleunigten Weg Deutschlands zur Groß- und Weltmacht nach 1871. Es setzte sich fort im ersten (Weltkrieg und erreichte seinen Höhepunkt im zweiten Weltkrieg Hitlers: Wir sind zweimal der Hauptgegner fast aller anderen Völker gewesen, das zweitemal unter den besonders frauenhaften Bedingungen eines totalen Krieges, bei dem nicht zu leugnen ist, daß der Angriff; von Deutschland ausging. Dasbedeutet gewiß nicht Kollektivschuld, und am wenigsten hinsichtlich der nazistischen Verbrechen. Aber wir können hundertmal dahin argumentieren, man solle uns nicht kollektiv verdammen, man solle überhaupt endlich die Vergangenheit begraben und sich um die Zukunft bekümmern. Das ändert ebensowenig wie unsere berechtigte Kritik an zahlreichen Handlungen und Unterlassurgen der Sieger etwas daran, daß man den Hitlerkrieg noch nicht vergessen hat. Es kommt außenpolitisch mehr darauf an, dies festzustellen als es zu bewerten. Man begegnet Deutschland mit Abneigung und Mißtrauen. Wir müssen das mit aller Deutlichkeit registrieren.

Nun dürfen wir aber ferner nicht verkennen, daß seit dem Sommer 1948 eine grundlegende Änderung eingetreten ist. Bis dahin warDeutschland ein wirtschaftliches und politische! Nichts. Seitdem aber – mit Währungsreform, Marsh all-Plan und den Vorbereitungen für eine deutsche Regierung in den Westzonen – ist klar geworden, daß Deutschland zwar nicht eine politische Macht, aber jedenfalls wieder eine wirtschaftliche und politische Größe sein wird. Wir befinden uns gerade jetzt in der sehr kritischen Übergangsperiode zwischen dem Nichts und dem Etwas. Sie wird zum mindesten etwa bis zum Sommer dieses Jahres dauern, bis zur Bildung einer deutschen Regierung. Von da ab beginnt so etwas wie ein "New Deal" für Deutschland, ein in mancher Hinsicht stabilerer und geordneterer Zustand, an den man sich auf beiden Seiten allmählich, gewöhnen wird. Aber vorläufig hat sich noch niemand daran gewöhnt, daß wir kein Nichts mehr sind, auch wir selbst nicht, Das Mißtrauen der Sieger, vor allem in Europa, ist durch die einfache Tatsache unseres Wiedererscheinens auf der politischen Bühne erneut wachgeworden. Und deshalb erfährt jedes Urteil eine Verschiebung durch ein Vor-Urteil, eine Verschiebung zum Negativen hin. So wird, was bei einem anderen patriotisch und also lobenswert wäre, bei einem Deutschen ohne weiteres für nationalistisch gehalten. Entsprechend wirkt ein Deutscher bereits als arrogant, wenn er etwas sagt oder tut, was bei einem anderen als eine ganz natürliche Selbstbehauptung gelten würde. Gerade in der jetzigen kritischen Übergangsperiode genießen wir keine Gleichberechtigung der Werturteile, Es ist wichtig, daß wir uns klarmachen, – warum wir heute offensichtlich unbeliebter sind als vor sechs Monaten. Es bleibt auch dann wichtig, wenn wir diese Änderung für ganz und gar unberechtigt halten.

Tatsächlich haben wir einen Spielraum des Handelns, in dem wir uns bewegen können, ohne unsere Würde und unsere Interessen zu gefährden. Die deutsche Reaktion auf das Ruhrstatut ist hier ein besonders lehrreiches Beispiel. Fraglos hat da in nicht unbeträchtlichem Umfang ein Wettbewerb an Empörung aus parteipolitischen Gründen stattgefunden. Im Hinblick auf. die kommenden Wahlen überbot-man sich vielfach in scharfen Erklärungen. Das mag in mancher. Hinsicht verständlich sein, denn eine Konkurrenz der Parteien ist vorhanden. Man fürchtet, ferner den Radikalismus von links und von rechts, man rechnet mit der Anti-Besatzungs-Stimmung breiter Volksschichten. Also, "haut man auf die Pauke". Und das ist ein elementarer Fehler. Denn gerade für uns in unserem Übergangsstadium gilt das Gebot vom Vorrang der Außenpolitik. Wir müssen jedes Wort auf die Goldwaage legen. Des weiteren zeigte die Reaktion auf das Ruhrstatut, daß wir in der Politik wirklich zu theoretisch-gründlich, zu unpraktisch sind. Wir analysieren mit größter Besorgnis papierene Paragraphen, ohne hinreichend zu bedenken, daß ein Statut noch keine politische Wirklichkeit ist, daß vielmehr alles davon abhängt, wie es im Laufe der Jahre ausgelegt, angewandt und – verändert wird. Wir sind also nicht nur zu unpraktisch, sondern auch zu ungeduldig. Die politische Geduld ist in unserer Lage ebenso schwer wie notwendig. Die gleiche Sache kann in einem Zeitpunkt richtig, in einem anderen völlig falsch – sein. Das Abwartenkönnen, das Reifenlassen sind außenpolitische Tugenden erster Ordnung. Die Neue Zürcher Zeitung hat uns das erst kürzlich wieder ins Stammbuch geschrieben.

Welch eine Torheit war die ganze Debatte um eine deutsche Remilitarisierung. Eine völlig überflüssige Debatte, denn die Aufrüstung ist überhaupt kein aktuelles Problem unserer Politik. Haben wir uns da nicht zudem etwas aufs-Glatteis locken lassen? Die Frage wurde zuerst in "der Presse der französischen Zone angeschnitten, und man weiß zur Genüge, daß dort der Einfluß, der Besatzungsmacht am stärksten ist. Jedenfalls kam der französischen Politik dieses Thema sehr gelegen. Das Gespenst des deutschen Soldaten wurde beschworen, und sofort, verhärtete sich die Weltmeinung gegen Deutschland. Wir haben noch einiges zu lernen, auch Dr. Eugen Kogon.