Für die Erörterung des Themas: Brotration ist die Kenntnis einiger Tatsachen und Zusammenhänge notwendig, wenn die öffentliche Diskussion hierüber nicht noch weiter ins Unsachliche abgleiten soll. Um die Brotration festsetzen zu können, muß zunächst die Getreideernte so genau wie möglich geschätzt werden, denn die Höhe der deutschen Ernte ist für die Freigabe des Importgetreides durch die alliierten Besatzungsbehörden entscheidend. Das deutsche Verfahren der Ernteschätzung beruht seit Jahrzehnten auf den Zeugnissen, die Tau sende von Berichterstattern zu bestimmten Zeiten über den Stand des Getreides vor der Ernte abgeben. Ihr Urteil beruht auf langjähriger Erfahrung. Da das auf diese Weise ermittelte Ergebnis der Ernteschätzung im Jahre 1947 zu Meinungsverschiedenheiten über die deutschen Ablieferungsmöglichkeiten geführt hatte, wurde auf alliierten Vorschlag 1948 ein neues Verfahren angewendet, bei. dem das persönliche Urteil des Berichterstatters ausgeschaltet wird. Und zwar, indem nach einer festgelegten Methode in jedem Land eine Anzahl von Getreidefeldern ausgewählt wird, auf denen fünf je ein Quadratmeter große Stücke regelrecht abgeerntet und unter amtlicher Auf sieht ausgedroschen werden. Außerdem wurden 10 v. H. der Probefelder total abgeerntet und ebenfalls unter amtlicher Aufsicht gedroschen; die so gewonnenen Hektar-Erträge wurden dann auf die ganze, mit Getreide bebaute Fläche eines jeden Landes, umgelegt und so das mutmaßliche Ernteergebnis errechnet. Auf diese Weise wurde für die Bizone die Getreideernte 1948 auf 7,14 Mill. t geschätzt.

Gleichzeitig ist die Ernte des Jahres 1948 auch nach dem alten Verfahren geschätzt worden. Die Ermittlungen ergaben 6 Mill. t. Welches Schätzungsergebnis der wirklichen Erntemenge am nächsten kommt, wird man erst am Ende des-Wirtschaftsjahres beantworten können. Einstweilen stehen Vergleichszahlen aus den Vorjahren nur für das nach dem alten Verfahren ermittelte. Schätzungsergebnis zur Verfügung. Diese Vergleiche ergeben, daß wir 1948 etwa 1,5 Mill. t Getreide mehr als 1947 geerntet haben. Um nun 11 000 g Brot und 1600 g Nährmittel pro Kopf und Monat im Wirtschaftsjahr 1948/49 ausgeben zu können, werden 6,7 Mill. t Mehlwert benötigt. 1947/48 betrug der Gesamtverbrauch 5,6 Mill. t, davon 3,7 Mill. t Mehlwert aus der Einfuhr und 1,9 Mill. t aus Ablieferungen der heimischen Landwirtschaft. Im Jahre 1948 soll die Landwirtschaft der Westzonen eine Getreidemenge von rund 3,349 Mill. Mehlwert abliefern. Unter der Bedingung, daß die Landwirtschaft der Westzonen tatsächlich diese Menge abliefert, haben die Militärregierungen eine Einfuhr von 3,354 Mill. t Mehlwert zugesagt. Eine Ablieferung von 3,349 Mill. t Mehlwert aus unserer eigenen Erzeugung bedeutet gegenüber dem vorhergehenden Jahr eine Mehlablieferung. von 135 Mill. t Mahl wert Die Ernteschätzung nach dem alten Verfahren ergibt eine Mehrernte von 1,5 Mill. t Getreide, oder in Mehlwert gerechnet von rund 1,2 Mill. t. Käme dieses Schätzungsergebnis der Wirklichkeit. km nächsten, so würde es bedeuten daß über die vorjährige Ablieferung der Landwirtschaft hin; aus restlos die ganze für 1948 errechnete Mehrernte für die Brotversorgung abzuliefern "wäre. Die sich aus dem angestellten Vergleich ergebende Mehrernte würde sogar noch um 250 000 t hinter der angeordneten Mehrablieferung zurückbleiben. Es liegt auf der Hand, daß man eine solche restlose Ablieferung einer Mehrernte, deren Berechnung außerdem auf Schätzungen beruht, nicht einfach unterstellen kann, wenn es sich um die Sicherung der Brotversorgung für 45 Mill. Verbraucher handelt.

Die im Ausschuß für Ernährung und Landwirtschaft des Länderminister für Ernährung rates vereinigten Länder- und Landwirtschaft gaben daher der Verwaltung für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Frankfurt nach der Beratung am 12. Oktober 1948, als ihnen das endgültige Ablieferungssoll mitgeteilt wurde, den Rat, die Brotration des Wirtschaftsjahres 1948/49 auf 10 000 g statt auf 11 000 g festzusetzen. Dieser Ausschuß hat seine Empfehlung seither mehrfach mit zunehmender Dringlichkeit wiederholt. Es ist immer wieder darauf hingewiesen worden, daß noch nicht mit Sicherheit übersehen werden könne, ob die veranschlagte Mehrablieferung wirklich aufkommt und daß das Risiko, im Laufe des Wirtschaftsjahres unter Umständen plötzlich weitgehende Kürzungen vornehmen zu müssen, einfach zu groß sei. Inzwischen haben sich in verschiedenen Ländern auf Grund der bisherigen Ablieferungsergebnisse die Zweifel an der Richtigkeit der Ernteschätzung verstärkt.

Der Mehrbedarf an Getreide infolge der Rationserhöhung im laufenden Wirtschaftsjahr soll nach dem Voranschlag allein aus deutscher Ernte aufgebracht werden, denn der Zuschuß an Einfuhrgetreide soll nach diesem Voranschlag nicht größer werden, als er im Wirtschaftsjahr 1947 und 1948 gewesen ist. So ist also die Frage, ob die Erhöhung der Brotration durchgehalten werden kann; in diesem Jahr allein von der Frage abhängig, wieviel Getreide von der Landwirtschaft unserer Westzonen mehr geerntet worden ist und wieviel zur Ablieferung gelangt. Man sollte sich diese Tatsachen vor Augen führen, ehe man voreilig Kritik an den Besorgnissen der Landwirtschaftsminister der Länder übt.

Konrad Langenhorn