Hans Zehrers umfangreiche philosophische Schrift "Dir Mensch in dieser Welt", von der die folgende Betrachtung handelt, erschien zunächst in 50 000 Exemplaren der Ro-Ro-Ro-Ausgabe. Nunmehr ist auch die Buchausgabe im Verlag Rowohlt, Hamburg, herausgekommen. Eine englische Ausgabe wird von dem Verlag Hodder and Stoughton vorbereitet.

Gerade das ist das Problem, vor dem der heutige Mensch steht. Sein Bewußtsein spielt mit vielen Möglichkeiten, es zeigt ihm viele Gesichter, die ganz apart aussehen und die möglich waren: es zeigt ihm viele Haltungen, viele Rollen, viele Masken und viele Stile: man kann so aussehen oder so; dieser sein oder jener. Nicht mehr zwischen die Polarität des ‚Innen‘ und des ,Außen’ gespannt, ist er von der Notwendigkeit des Wirklichen in die Freiheit des Möglichen gelangt, aber er ist; damit zwischen allen Möglichkeiten unwirklich geworden und löst sich auf, und dies ist seine große Not." Die Kritik, die Hans Zehrer im Schlußkapitel sein es Buches "Der Mensch in dieser Welt" damit an der Krise übt, steht, wie man sieht, unter dem existentialistischen Aspekt der äußersten Freiheit, die, trotz der "Fliegen" des Monsieur Sartre, der äußersten Verzweiflung gleichkommt. (Sartre versucht bekanntlich, der Konsequenz dieser Tatsache dadurch zu entgehen, daß er ehren zeitlichen Ablauf hineinprojiziert: Die Freiheit, meint er, beginne jenseits der Verzweiflung.)

An einer anderen Stelle, die uns zu den stärksten in Zehrers Buch zu gehören scheint, handelt er von der Liebe und vom Tod. Auch hier wird wieder der Schauspieler zum Vergleich herangezogen. "Die Emotionen", so schreibt er, "werden vom Bewußtsein bestimmt, sie werden, gespielt, wie der Schauspieler seine Rolle spielt, und der Mensch, der sie spielt, sieht sich gleichzeitig scharf und aufmerksam zu, um keinen Fehler zu machen ... Wer aber ehrlich vor sich selber zu sein vermag, wird sich an folgende Situation erinnern und sie – für sich behalten. Einmal standen die Liebe vor diesem Menschen oder der Tod. Sie traten aus dem Dämmerreich seiner Träume, in dem er die großen Reserven seines Gefühls vermutete, vor ihn hin und wurden gegenwärtige Wirklichkeit. Der Mensch sah ihnen. ins Gesicht und fühlte erstaunt und beklommen, daß er kalt blieb. ‚Das ist nun die Liebe‘, sagte sich dieser Mensch, ,und das ist nun der Tod‘; und er lauschte gespannt auf das Echo, aber das Echo blieb aus. Es trat eine Pause ein, wie sie auf der Bühne eintritt, wenn der Schauspieler sein Stichwort überhört hat."

In diesem Zusammenhang werden wir an zwei große Manifestationen des abendländischen Geistes erinnert: an den Hamlet natürlich als an die erste vollendete Darstellung der seelischen Situation des Modernen, in der das schauspielerische Element eine so große Rolle spielt; mehr noch aber an die Diskrepanz zwischen Potentia und Actus, die Thomas von Aquino als das Kriterien der Hölle bezeichnet hat: der Mensch der unendlichen, der ungeheuerlichen Möglichkeiten, dem die erlösende Tat gleichwohl versagt bleibt.

Jede Kritik der Krise enthält zugleich eine Krise der Kritik. Zehrers Buch ist von jeder dieser beiden Seiten aus gesehen merkwürdig. Die Einblicke, die es in das, Verhängnis der Gegenwart gewährt, sind; wie man sieht, tief und gehen an mancher Stelle bis hart auf den Grund. Fast noch bedeutsamer ist aber doch seine Methode, der Maßstab, das Registriergerät, mit dem er die Reaktionen des Objektes untersucht. Das Objekt: das ist eben er selbst, der Mensch Kein Wunder, daß sich das Buch der landläufigen Beurteilung entzieht. Rein äußerlich entbehrt es der exakten Aufgliederung durchaus. Die sieben Kapitel (in der Rotationsausgabe ist noch das "Paradigma – Das Gesicht des Menschen" angefügt) sind breit ausladend und eher ungefüge. Sie bieten keine gefälligen Formulierungen an. Sie geben sich für das pointierte Zitat nicht her. Der eschatologische Aspekt, unter den Zehrer die Gegenwart stellt, taucht die ganze Darstellung in ein düsteres Licht. Der Schatten Augustins fällt über die Seiten. Der Abfall des Menschen von Gott wird durchaus als ein Vorgang angesehen, der durch den Nihilismus hindurch zu der – ganz unrationalen – Einsicht führt, daß der Mensch schuldig ist; und hier wird wieder von den beiden Möglichkeiten, die Schuld beim anderen und die Schuld bei sich selbst zu suchen, mit erbarmungsloser Unerbittlichkeit die zweite postuliert. Sie verlangt das Wagnis der Wandlung, wenn anders sie ertragen werden soll.

Bücher haben ihre Schicksale. Die Aufnahme des "Menschen in dieser Welt" vollzieht sich zögernd. Der Rezensent weiß nicht in allen Fällen, wo er ansetzen soll. Es ist alles so anders: Kein bequemes Buch, das man empfehlen oder ablehnen kann, weil es neue Gedanken enthält und bildet und anregt, oder weil es dies nicht tut. Gleichwohl sollte man versuchen, es zu lesen.

Wolfgang Köhler