Die "Halbpart-Klausel" im ERP

Paul Hoffman, Verwalter der Marshall-Hilfe, hat wiederholt bewiesen, daß er seine Aufgabe ernst nimmt und europäisch denkt. Dies gibt nicht nur Klein-Autarkisten in Europa manche Pille zu schlucken, auch amerikanische Interessenten müssen die Nüsse aus seinem Sack knacken, so wie sie herausfallen, selbst wenn sie manche bittere Mandel nicht schätzen.

Das neueste Beispiel dafür, daß Hoffman die ERP-Dollar, möglichst vollständig nach Europa bringen will, ist sein Bescheid, daß er im neuen Jahre nicht länger die ursprünglich vorgesehene 50 v. H.-Beteiligung von USA-Handelsschiffen an den Transporten gelten lassen will. Auf parlamentarischen Einspruch hin hat. er den Stichtag inzwischen auf den 1. Februar verschoben, ohne. sich grundsätzlich von seinem Argument abbringen zu lassen, daß möglichst billiger Transport und nicht möglichst viel amerikanischer Transport das Ziel sein muß;

USA-Frachtraten liegen häufig erheblich über den Frachtkosten für europäische Schiffe, eine Folge der hohen Heuern für USA-Seeleute, die über ihre Gewerkschaften auch sonst Bedingungen durchsetzen, die Amerikas Schiffahrt aus der Konkurrenz ausschalten – ganz zu Schweigern von den hohen Schiffbaupreisen in den USA. Hoffman hat darauf hingewiesen, daß jährlich 50 Mill. $ aus der Marshall-Hilfe als Differenz zwischen, internationalen und amerikanischen Frachtraten als "Subvention" an die USA-Schiffahrt gehen – eine Zahlung, die der Kongreß direkt, nicht auf dem Umweg über ERP, willigen sollte. Man kann mit heftigen Protesten nicht nur der Gewerkschaften, sondern auch der Reedereien und anderer Interessenten gegen diesen Vorstoß rechnen. Die Tatsache, daß etwa 150 von insgesamt 700 Trampschiffen (meist Liberty- und Victory-Schiffe aus dem Kriegsprogramm) ständig für ERP-Transporte eingesetzt sind, läßt die Tragweite des Vorstoßes ermessen.

In England, Norwegen und anderen europäischen Schiffahrtsländern setzt man große Hoffnungen auf die Beseitigung der "Halbpart-Klausel" zu Gunsten der europäischen Tonnage, die damit wertvolle Dollars einfahren könnte. Aber auch für Westdeutschland bedeutet jeder eingesparte Frachtendollar einen zusätzlichen Rohstoff- oder Lebensmitteldollar. Dies ändert allerdings nichts daran, daß durch das Verbot, eigene Handelsschiffe zu bauen oder auch nur zu chartern und mit deutschen Besatzungen fahren zu lassen, Westdeutschland Im Durchschnitt 11 bis 12 v. H. der ihm zugedachten Marshall-Hilfe an ausländische Reeder in Europa oder Amerika abtreten muß.

Der Ruf nach Schiffen unter deutscher Regie hat also nichts mit "engstirnigem deutschem Nationalismus" zu tun – ein Vorwurf, der im Augenblick der "New Look" der politischen Mode in manchen europäischen Hauptstädten ist. Der Ruf entspringt aus dem Wunsch, unsere Fähigkeiten, zu denen auch die friedliche Handelsschiffahrt gehört, für die bestmögliche Ausnutzung der Marshall-Hilfe einzusetzen. E. G.