Ein junger Mann, der im überfüllten Westdeutschland keine Chance für sich selber sieht, hat (in der "Zeit" Nr. 1 vom 6. Januar) erzählt, wie er als Steuermann eines illegal ausreisenden Schonen nach Dänemark geriet. In folgendem setzt John Walter – das ist der Name des jungen Abenteurers, der heute so viele seines-, gleichen in Deutschland hat – die Schill derung seiner Irrfahrten eines Illegalen fort. Es war kein Wunder, daß wir unzufrieden miteinander waren: die Schiffseignerfamilie unseres Schoners grollte uns, dem "Personal", weil wir wenig Seemannsglück entwickelt hatten. Allerdings, da waren wir nun schon seit hatten. unterwegs und waren noch nicht weiter als nach Frederikshaven gekommen. Wir, das "Personal", zürnten, weil die Verpflegung von Tag zu Tag miserabler wurde. Die dänische Hafenpolizei Hatte die Weisung gegeben, daß niemand unser illegales Schiff verlassen dürfte. Da lagen wir am Kai des fremden Hafens fest, deutsche Auswanderer – miteinander total verfeindet.

Hoch erklinge das Lob jenes dänischen Journalisten, der uns im Hafen aufstöberte und dem unsere Situation nicht lange verborgen blieb. Er kam auf die Idee, daß wir ihm Schilderungen aus Deutschland aufschreiben könnten; er wolle sie dann übersetzen und das Honorar, \ das die Zeitung zahlen würde, an uns weiterreichen Auf diese Weise bekamen wir tatsächlich mehrere hundert Kronen in die Hand: das einzige Geld, das wir auf der ganzen Reise verdienen konnten. Diese Kronen waren das beste Mittel gegen unsere Niedergeschlagenheit, und wir beschlossen, den friedlosen Schoner zu verlassen und unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Zunächst sandte Heinz, bisher Schiffsingenieur und mein Leidensgefährte, seine Frau nach Deutschland zurück. Er selbst reiste nach Kopenhagen, weil ein vages Gerücht ihm zugetragen hatte, er könne auf einem amerikanischen Schiff als dritter Ingenieur anmustern. Ich lief dem Ersten, Offizier eines englischen "Zehntausenders" in die Fänge, der einen Dritten Offizier suchte. "I ve got our third mate", stellte er mich dem Master vor ,,He is a German but that doesn’t matter fuhr er fort, während mir "der Alte" erfreut die Hand schüttelte. Beinahe hätte ich vor Freude einen Luftsprung gemacht. "Eine Frage noch", bat ich: "Wohin fährt Ihr Schiff?" Die Antwort schmetterte mich nieder. "Nach Gdansk..." Danzig. Russisch kontrollierter Hafen. Ein Deutscher an Bord, ein Mann ohne Paß ... Wie würde das enden? Besser nicht! Der englische Kapitän und sein Erster sahen des Der Sie grüßten noch einmal von der Brücke ein. hoben bedauernd die Schultern. Es hatte nicht hoben sein.

Wie heißt das Land, von dem man immer sagt, daß es jungen Deutschen Arbeit und Obsagt, biete? Das Land, von dem das Gerücht sagt, daß die Frage ‚Warst du ein Nazi oder nicht?‘ keine Rolle spielt? Ein Nazi bin ich nie gewesen, und dennoch kam mir dieses sagenhafte Land von Tag zu Tag mehr und mehr verlockend vor. Das Land heißt Argentinien.

Vorsichtiges Fragen hier und dort: "Wo gehen die Schiffe nach Argentinien ab?" Antwort: "Die beste Gelegenheit dafür bietet der Hafen in London." – "Gut! Und wie kommt man nach England, nach London?" Antwort: "Das nächste Schiff heißt ‚Parkestone‘ und fährt ab Esbjerg." Auf nach Esbjerg!

Mittlerweile hatte Heinz, dessen Unternehmen fehlgeschlagen war, sich wiedereingefunden. So fuhren wir gemeinsam nach Esbjerg, immer das – unangenehme Gefühl im Nacken, daß die dänische Polizei uns aufgreifen würde, Illegale, die wir um so mehr waren, als wir entgegen dem Polizeiverbot unseren Schoner verlassen hatten.