VonOswald Gerhardt

Forschung ist teuer. Nunmehr soll endgültig das größte deutsche Forschungsinstitut, der IG-Farben-Konzern, "entflochten" werden. Die rechtliche Grundlage hierzu ist Kontrollratsgesetz Nr. 9 vom November 1945, das die Beschlagnahme und Kontrolle der ~~~ angeordnet hat. Die Entflechtung wird sich aber praktisch nur auf die Doppelzone be~~~en, denn in der Ostzone sind die IG-Betriebe in "volkseigene" und "sowjetische" Gesellschaften umgewandelt worden und in der französischen Zone arbeitet die große Werkgruppe Ludwigshafen-Oppau unabhängig von der "Bipartite"-Wirtschaftspolitik und wird energisch den französischen Interessen angepaßt. Die Deutschen der Doppelzone sollen nun auf Geheiß der Besatzungsmächte die Entflechtung selbst in die Hand nehmen. Hierzu wurde ein Ausschuß zur Aufteilung und "Ausgründung" der einzelnen Werke gegründet, der einen Mittelweg zwischen der amerikanischen Ansicht der totalen Entflechtung, was ein unwirtschaftliches Herauslösen der Betriebe aus arbeitsteiliger Harmonie bedeuten würde, und der deutschen Ansicht größerer Teilunternehmen finden soll. Chemische Forschung jedenfalls wird nur möglich sein, wenn die neu zu schaffenden Unternehmen "kräftig" genug sind, die Arbeiten der Wissenschaftler zu fördern.

In anderen Zeiten hätte man es vielleicht tragisch genannt Die letzte Würdigung des größten deutschen "Forschungsinstituts" blieb einem Straf Verteidiger vorbehalten – im großen Schwurgerichtssaal des Nürnberger Justizpalastes während des Prozesses gegen die angeklagten 23 leitenden Männer der IG-Farben-Idustrie. Rechtsanwalt Friedrich Silcher, einer der Juristen des Konzerns, ließ in seinem Schlußplädoyer noch einmal das eindrucksvolle Gesamtbild der IG-Farben entstehen, verkörpert durch die Zahl von etwa 40 000 Patenten und Verfahren. "An" diesem Reichtum", fuhr er fort, "ließ die IG die ganze Welt teilnehmen. Sie blieb nicht egoistisch auf ihren Erfindungen sitzen, sondern ließ sie in die Welt hinausgehen." Und das war keine Phrase. Dreiviertel oder 30 000 aller Patente der IG waren Auslandspatente.

Mit dem "Grand Prix" ausgezeichnet

"Achtzig Millionen, 100 Millionen, 160 Millionen Reichsmark", so erfuhr man weiter aus diesem Plädoyer, "das waren die Größenordnungen der Mittel, welche die IG an die Forschung wandte, 5 v. H., 7 v. H., 10 v. H. und einmal, beinahe 13 v. H. der jährlichen Gesamtausgaben. Drei Wissenschaftler der IG-Farben sind mit der höchsten internationalen Anerkennung, mit dem Nobelpreis, ausgezeichnet worden; einmal für den "Griff in die Luft", das heißt für die Synthese des Luftstickstoffs zu Ammoniak, das zweitemal für die Synthese des Benzins aus Kohle und zuletzt für die Erfindung und Entwicklung der Sulfonamide, jener wunderbaren Gruppe heilender Pharmazeutika, die eine neue Ära im Kampf gegen tückische, Mikroben eingeleitet haben. Und endlich die Tatsache, daß auf der letzten Großen Weltausstellung zu Paris 1937 insgesamt neun verschiedene Erzeugnisse der IG-Farben mit dem "Grand Prix" bedacht worden sind. Selbst die drei kühlen amerikanischen Richter, der eine vom Indiana Supreme Court", der zweite vom "North Dakota Supreme Court" und der dritte ein Dekan der "University School of Law" zu Louisiana, sind durch diese Tatsachen so beeindruckt worden, daß sie es nicht verabsäumt haben in ihrem Urteil "die Leistungen der IG auf dem Gebiete der chemischen Forschung und der praktischen Ausnutzung ihrer Entdeckungen" unter Anführung einer Reihe der eben genannten Einzelheiten hervorzuheben.

Nun war diese Repräsentantin wissenschaftlicher Forschung unter Punkt 3 der Gesamtanklage (Ziffer 131 der Anklageschrift) folgendermaßen beschuldigt worden; "Giftgase und verschiedene tödliche Produkte, welche die IG herstellte und an Beamte der SS lieferte, wurden für Experimente an versklavten Personen und zu ihrer Ausrottung in Konzentrationslagern in ganz Europa verwendet. Die IG führte Experimente an Menschen darunter Insassen von Konzentrationslagern, ohne deren Zustimmung durch, um die Wirkung tödlicher Gase, Impf-– Stoffe und ähnlicher Erzeugnisse festzustellen.

In der Tat – eine ganz ungeheuerliche Beschuldigung. Man bedenke, welche Folgen es für die Zukunft gehabt hätte, wenn in diesem Prozeß der Beweis für jene Verdächtigungen erbracht worden wäre und das Urteil festgestellt hätte, daß just diese prominente Vertreterin medizinisch-pharmazeutischer Forschung ihre Erzeugnisse durch tödlich verlaufene Experimente an willenlosen KZ-Häftlingen zu erproben pflegte. Eine solche Feststellung hätte den Ruin des Rufes deutscher pharmazeutischer Forschung und Industrie bedeutend. Die gegnerische Propaganda würde – und Bann nicht einmal zu Unrecht – dafür gesorgt haben, daß die Welt diesen Schandfleck niemals vergessen hätte.