Von Fritz Gordian

Im Mittelmeerraum will das Echo des zweiten Weltkrieges nicht verhallen. In Palästina schossen die Juden zuerst auf die Engländer, dann auf die Araber; dann schossen diese zurück, und in Griechenland verbissen sich zwei Welten ineinander, die der Krieg hinterließ! So hat man wenig darauf geachtet, was in Sizilien geschah.

Denn auch in Sizilien herrscht Krieg. Nicht der Krieg zwischen Kollektiven, zwischen Liberalen und Bolschewiken, sondern der zwischen dem Kollektiv und dem Individuum, zwischen dem italienischen Staate und dem anarchistischen – Mittelmeermenschen Siziliens. Der Räuber, der der Gesellschaft den Fehdehandschuh entgegenschleudert, ist in der Vorstellung des Abendländers mittelalterlich, in Sizilien ist er lebendig, wirksam, zeitgemäß.

Seltsam, daß in eben demselben Räume, in dem der moderne zentralistische Staat – der sich mit Gesetz und Macht Gesetze und Mächte unterwarf – aus der Wiege gehoben wurde, heute der letzte abendländische Rebell sein eigenes Gesetz und seine eigene Macht dem Staate gegenüberstellt. Für denjenigen jedoch; der weiß, daß im Pendelschlag zwischen Individuum und Kollektiv soziale und politische Geschichte geschrieben wird, ist die Existenzmöglichkeit eines Turiddu Giuliano inmitten des hitzigen Klimas des mediterranen Kochkessels, in dem so viele soziale Ideen Und Formen so vieler Völkerschaften brauten, kein Geheimnis.

Das Banditenwesen hat in Sizilien nie aufgehört. Die Namen berühmter Räuberführer sind in den Erzählungen des sizilianischen Volkes bis heute lebendig. Der Faschismus legte einen Schleier darüber. Als ihn die Alliierten 1943 mit ihrer sizilianischen Landung zerrissen, verwandelte das sizilianische Rebellentum die vier Rooseveltschen Freiheiten, die sie mit sich brachten, in vollendete Anarchie. Seitdem halten, die blutigen Zusammenstöße zwischen den Banditen und carabinieri, den Kräften der öffentlichen Ordnung, ununterbrochen an. In fünf Jahren sind die Banden eine nach der anderen vernichtet oder zersprengt worden. Nur eine ist geblieben, die zahlenmäßig stärkste und bestbewaffnete: die unter dem Kommando Giulianos. Sie hat sich als unausrottbar erwiesen.

Man darf nicht glauben, daß der "Lebensraum" Giulianos einem undurchdringlichen brasilianischen Urwald gleicht. Die Bergbauerndörfer beherbergen eine Bevölkerung, die mit Fleiß ihren Gewinn aus Wein- und Apfelsinenkulturen zieht. Die beiden höchsten Berge inmitten dieser Mittelmeerpracht, der Saraceno und der Montaniello, sind nicht einmal 1000 Meter hoch. Giulianos Herrschaftsbereich erstreckt sich von den Vorstädten Palermos nach Westen hin über Alcamo bis über Catalafimi hinaus und nach Segesta, das den reinsten dorischen Tempel und ein griechisches Theater aufweise Ein Gebiet voller geschichtlicher Spuren und Geschehnisse, in seiner Länge aber nicht mehr als sechzig bis siebzig Kilometer umfassend.

Giulianos Reich ist also nicht groß, und er hat – trotz aller beispielgebenden weltpolitischen Expansionismen unserer Zeit – niemals danach getrachtet, es auszudehnen. Die Regierung in Rom anerkennt er nur als fernabgelegene und hin und wieder notwendig zu bekämpfende Einrichtung. Jeder Versuch der carabinieri, das staatliche Gesetz zur Geltung bringen zu wollen, brach in irgendeinem Hinterhalt zusammen. Gefallene gab es jedesmal auf beiden Seiten, aber immer mehr carabinieri als Banditen.