Das Geheimnis eines erfolgreichen Kaufmanns liegt in der Regel in seiner Begabung, Möglichkeiten für Einkauf oder Absatz zu erschließen, die seinen Konkurrenten entgangen sind. Für den Handelspolitiker gibt es zwar den gleichen Weg zum Erfolg; er ist jedoch mit vielen zusätzlichen Hindernissen gepflastert. Zu den politischen "Imponderabilien", die ihm genügend Sorgen bereiten können, haben sich die "autoritären Akte" gesellt, durch die, mit einem einzigen "Machtwort", monatelange Mühen vergeblich werden können.

Englands Versuche, den Handel durch die welägen verbliebenen Ritzen im Eisernen Vorhang zu erhalten und zu erweitern, liefern mehr als ein Beispiel für diese moderne Abart handelspolitischer Albträume. Als Jugoslawien von der Kominform in Acht und Bann getan wurde, schienen die Aktien für den Westen auf engere wirtschaftliche Verbindungen zu steigen. Doch Ott soeben abgeschlossene Vertrag zwischen den leiden Ländern kann diese Hoffnungen kaum bestätigen. Von britischer Seite wird kein Hehl caraus gemacht, daß der Verhandlungspartner sich seines Wertes als Vorhangsritze voll bewußt gewesen sei. Das Ergebnis der 19 Monate dauernden Verhandlungen spiegelt diese jugoslawische Einstellung. Das Abkommen ist kurzfristig bis zum 30. September 1949. Der Handelswert ist auf 15 Mill. £ in jeder Richtung festgelegt. Um Holz, einschließlich Grubenholz, Holzprodukte und einige Nahrungsmittel, darunter Mais zu erhalten, mußte England viel von seinen wertvollsten Exportgütern bieten, die selbst die Dollarländer nicht ohne Schwierigkeiten erhalten können: Maschinen, Chemikalien, Textilien, Rohstoffe und Rohöl.

Dennoch ist man in England über dieses Ab* kommen mit Tito nicht zu Unrecht einigermaßen befriedigt. Nicht nur, weil es Aussicht auf baldige Abmachungen langfristigerer Art bringt, sondern vor allem, weil es von Tito als Rückenstärkung anerkannt wird. Zwar hat sich der Jugoslawische Marschall nicht direkt mit diesem Erfolg gebrüstet, so er hat nur wenige Tage; danach verstreichen lassen, bevor er seine bisher schärfsten Vorwürfe gegen den "wirtschaftlichen Boykott" von Seiten der Sowjetunion und der übrigen Kominform-Länder richtete.

Aber darf man den Handelsfinger zu tief in diese Ritze stecken, wenn sie plötzlich durch eine politische Wandlung im Verhältnis des Kreml zu Tito geschlossen werden kann, wenn etwa Stalin irgendein Glückwunschtelegramm "seines" Marschalls zum Vorwand nehmen könnte, ihn als verlorenen Sohn an. sein Herz zu schließen? Dieses Gefühl der Unsicherheit scheint bei dem englisch-polnischen Handelsvertrag auf der britischen Seite noch sehr viel stärker zu sein. Dieser Vertrag verspricht viel: Fünfjährige Laufzeit, Importe und Exporte von je 50 Mill. £, Eier und Speck für den britischen Frühstückstisch, eine Neugestaltung der polnischen Landwirtschaft "ausschließlich entsprechend den britischen Abnahme-Zusagen", vielseitige britische Exporte und nicht zuletzt. 30 Mill. £ Entschädigung für enteignete britische Besitzungen in Polen. Aber gerade weil im Laufe, der Warschauer Verhandlungen aus dem polnischen Hintergrund so viel Zustimmung zu verstärkten Handelsbeziehungen, zum Westen hörbar wurde, fürchtet man, daß eine polnische Unterschrift plötzlich durch ein Dekret aus dem Kreml wertlos, werden könnte.

Vielleicht wäre dieses britische Mißtrauen in die Welt hinter dem Vorhang keine so akute Beklemmung für die Londoner Händelspolitiker, wenn die Bemühungen um ein neues Abkommen mit Moskau einen Hoffnungsschimmer zeigen würden. Auf einen langfristigen Vertrag mit der Sowjetunion in naher Zukunft wagt man kaum zu hoffen. Aber schon eine russische Bereitschaft, über ein neues kurzfristiges Getreideabkommen nach vorjährigem Muster ernsthaft zu parlieren, würde als ein günstiges Zeichen bewertet werden. Zwar ist das Weltangebot größer, und günstiger als im Vorjahre, aber sowohl aus politischen Gründen der "Vorhang-Bohrung" als aus kommerziellen Gründen der Positionsstärkung gegenüber dem anderen großen Futtergetreide-Exporteur, Argentinien, würde England es gern sehen, wenn ein Geschäft mit Moskau abgeschlossen werden könnte. Allerdings müßte England wohl energischer als im vorjährigen Vertrag darauf bestehen, daß die Erlöse in großem Umfange für englische Fertigwaren verwendet würden. Im Vorjahre sollen nur 20 v. H. der Erlöse von der Sowjetunion für Einkäufe in England verwendet worden sein. Dies findet allerdings eine teilweise Erklärung in der Schwierigkeit, manche russische Aufträge unterzubringen, und andere während der Laufzeit des Abkommens auszuführen.

Der geringe Umfang britischer Fertigwaren-Lieferungen an die Sowjetunion hat übrigens Kritik und Vorwürfe von der anderen Seite des Atlantiks nicht zu verhindern vermocht In den USA war es die Sorge, die Russen könnten wertvolles Material für ihre industrielle Aufrüstung aus England erhalten. In Kanada gesellte sich dazu das Gefühl, daß den autoritären Unterhändlern des Kreml gelungen sei, was Kanadas demokratisch-verwandtschaftlichen Methoden nicht glückte, nämlich Weißblech für die kanadische Fischkonserven-Industrie. Generatoren für Kraftwerke und andere "interessante" Waren zu erhalten. Kanada fühlt sich in seiner Entwicklung ernsthaft durch die zu geringen englischen Lieferungen beeinträchtigt – was übrigens die englisch-kanadischen Weizenverhandlungen etwas zu überschatten scheint, die ohnedies durch den kanadischen Wunsch auf Anpassung an den Weltmarktpreis erschwert werden. Also nicht genug damit, daß die britischen Handelspolitiker ständig um jeden Zoll ihres Tastfingers banden, den sie in den gärenden Kessel hinter dem Vorhang stecken – sie müssen auch heftiger Kritik (dieser Bemühungen aus der Dollarwelt gewärtig sein, die zu verstimmen weder politisch noch wirtschaftlich opportun ist. Gw.