Lessing, als er Corneille beurteilte, vermaß sich, jedes beliebige Stück des Franzosen besser zu machen als dieser. Schiller, ohne Wit terung für Alfieris poetisches Genie, versagte dem nichts von eigentlicher Poesie darin, auch nicht einmal von poetischer Redeweise, kaum ein Bild, außer den konventionellen Phrasen". Des Herrn Cotta "Morgenblatt für die gebildeten Stände" zeigte 1830 das inzwischen bekannter gewordene Stück eJnes von Professor Vilmar als "treffliches, aber auch noch völlig un ausgebildetes Talent" bewerteten Mannes folgendermaßen an: "Erschienen ist das Käthchen von Heilbronn, Schauspiel von Heinridh von Kleist, unterhaltend für alle, die mit der Vernunft fertig geworden sind, Nidhti als Symptome der entschiedensten Querköpfigkeit" Aeht Jahre vorher hatte Ma thaeüs Collin, Begründer der Wiener Jahrbücher der Literatur und Her ausgebet der Wiener Lkeraturzekung, übe den "Prinzen von Hbmburg geurteilt: "Eine sehr interessante Begebenheit wird ebenso interessant dargestellt, aber in ihrer Mitte verunstaltet und in ihrem Ende "wie eine leere Seifenblase durch" die Luft gejagt " Im Jahre l SOS sah Weimar die Uraufführung eines anderen — wir zitieren den Regisseur — "problematischer? Theaterstückes, das gar mancherlei Bedenken erregte und eine höchst ungünstige Aufnahme z& erleben? hatte": Heinrich von Kleists "Der zerbrochene Krug". Hier ein Urteil des Hoffräuleins Henriette von Knebel: "Ein fnrchterliehes Lustspiel, das wir "am vorigen Mittwoch haben aufführen selien und was einen unverlöschbareri unangenehmen Eindruck auf mich gemacht hat und auf uns alle. Wirklich hätte ich nicht geglaubt, daß esmöglich wäre; so was Langweiliges und Abgeschmacktes hinzuschreiben " Übrigens, wie hieß doch der eben angeführte Spielleiter, der den Einakter Kleists in drei Akte zerhackte und das "problematische Theaterstück" schon durch diesen dramaturgischen Kunstgriff mattsetzte? — Goethe! Und was sagt6 Goethe über E. T. A- Hoffmann? Er sagte: "Welcher treue, für Nationalbildung besorgte Teilnehmer hat nicht mit Trauer gesehen, daß die krankhaften Werke jenes leidenden Mannes lange Jahre in Deutschland wirksam sewejrn und solche Verirrenden als" bedeutend fördernde Neuigkeiten gesunden Gemütern eingeimpft wurden " — Ist dergleichen nun auch von der Sorte jenes eben vernommenen Banausentums der Plattheit vor der Größe? Entschieden nicht! Es ist die Selbstwehr des Genius, der das ihm Fremde unter die Bedingungen der eigene schöpferischen Mitte stellt und damit bewußt subjektiv zu Werke geht "Aufrichtig zu sein, könne er versprechen, hat Goethe bekannt, "unparteiisch zu sein aber nicht". So schützt er m den Fällen Kleist und Hoff mann seine appoHnische Lebensform in Licht und Tag gegen den ihm bedrohüchen Zugriff der dionysischen Trunkenheit in Dämmerung und Nacht Anders einige andere. Etwa ein so hoher Geist wie Grillparzer. Von Jean Pauls Phantasie urteilt er, sie ist "gemein, sie malt nur niedrige Gegenstände mit Wahrheit, und gerade die Phantasie ist das Spiegelbild des Menschen " Von Novalis: "Ein Wilhelm Meister ohne Freibrief, in seinen Lehrjahren verfangen ewiglich. Daß die Deutschen diesen schaukelnden Träumen, dieser biid- und begrifflosen Ahnungsfähigkek einen so hohen Wert beilegen, ist eben das glück dieser Nation " Am krassesten geht Grillparzers Urteil durch vor der Musik Karl Maria von Webers. Nachdem ihm schon der "Freischütz" denkbar unbehaglich gewesen, geht er gegen die "Euryanthe" an: "Diese Musik ist scheußlich. Dieses Umkehren des Wohllautes, dieses Notzüchtigen des Schönen würde in den guten Zeiten Griechenlands mit Strafe vonselten des Staates belegt worden sein. Solche Musik ist polizeiwidrig, sie würde Unmenschen bilden, wenn es mögKcrt wäre, daß sie nach und nach ?UgemeJnen Eingang finden könnte. Um mk der Musik zu schließen: Wie stehen Otto Ludwig, Friedrick Hebjbel und Jacob Burdthardt vor Riefean Wagner (k dem dk beiden ersten das Geburtsjahr teilen)? Ludwig rügt- die mangelnde Logik Wagnerscher Ton- und Akkordfolgen und "daß dieser Fehler so recht die Absicht, die bewußte, kalt scheinende Absicht wie ein Hörn auf der Stirn trägt, den stoßend, der sie nidit sieht " StWießlich faßt er zusammen: "Das Kunscwerk der Zukunft ist nichts als , ein ungeheurer Zopf der Gegenwart " — Burckhardt notiert, daß Wagner einreißc, sei "ein Zeichen vor dem Ende". Der "Maestro defunto" habe "enorm viel orchestrales Wissen", auch verrate er "tiefe Kunde von Weber, Beethoven. Was er aber gar nicht verrät, ist irgendein Funke von eigenem Schönheitssinn " Und Hebbel in der "W"alküre"? Er wagt nicht zu entscheiden, i "ob- diese Musik sehr die Seele ergreift oder das Rückenmark schüttelt". Den Augen allerdings werde Erstaunliches geboten, "viel mehr als von Meyerbeer " Schlirtschuhbarm und Sonnenaufgang, was wären sie gegen diese Effekte! "Das pfeift, zistht, klingelt, rauscht, stürmt, als ob auch die Steine Töne und Stimmen erhalten" sollten, und man wundert sich nur, daß man beim letzten Taktstrich nicht samt dem Komponisten" und dem ganzen Theater in die Luft fliegt " Wozu dieses lockere Sträußlein a — müsanteri Urteile der Kleinen wie der Großen? A(uf daß "die Nachfahren sich, Seume zitierend, überhöben: "Seht wir Wilde" — und so weiter? Oder auf daß sie sich, einsichtig geworden in das "Ver bältnismäßige" allen Urteilens, bescheiden darein ergäben, von einer späteren Zeit nach den eigelen Irrwegen im Labyrinthe der, Kritik befragt EU werden? 7 Un