Von Eckart Peterich

Das italienische Volk hat immer an seinen Glücksstern geglaubt: die Stella d’Italia. Es weiß um die unvergleichliche, unwiderstehliche Schönheit seines Landes, und auch, daß diese Schönheit unvergänglich ist. Darum sagt es: die Pezzi grossi (was eine ziemlich genaue Übersetzung des bayrischen "Großkopfeten" ist) mögen es noch so dumm und schlecht anstellen und uns durch Staatsstreiche oder Kriege ins Unglück stürzen, unser Stern wird uns retten und wieder glücklich machen. Unter nationalem Glück verstehen die Italiener freilich nicht Weltgeltung und Märktebeherrschung, sondern Frieden, Ordnung ohne Zwang (lieber Unordnung als Zwang) und vor allem so wenig Unglück wie nur möglich. Es gibt aber, wie man in der Toskana sagt, im Menschenleben nur drei große Unglücke Kerker, Kaserne, Krankenhaus.

Trotz seines Sterns sind die zwei großen Kriege der ersten Jahrhunderthälfte Italien nicht erspart geblieben. Daran aber-sind, wie für die meisten Italiener feststeht, ausschließlich die Pezzi grossi schuld. Den ersten hatte man zwar scheinbar gewonnen, aber der Gewinn stand in einem argen Mißverhältnis zu den verlorenen Menschenleben. Im Trüben der sozialen Wirren der Nachkriegszeit hat dann Mussolini gefischt oder, genauer gesehen, eine kleine Schicht, die sich durch die Arbeiter- und Bauernbewegungen jener Jahre gefährdet sah. Denn Großindustrielle und Feudalherren griffen tief in ihre Taschen, als ihnen ein "Volksmann" versprach, Streiks, Gewerkschaften und Bauernbünde in die Acht zu tun. Sie kauften ihm Waffen und schwarze Hemden und das stockkonservative Königshaus; ja sogar ein Teil des Klerus gab seinen Unsegen dazu. Durch den "Marsch auf Rom", der keine Heldentat war, verlor das italienische Volk alle Freiheiten, für die im Risorgimento seine Besten gekämpft und gelitten hatten.

Dennoch wäre es Geschichtsklitterung wollte man behaupten, Italien habe diese Zeit verloren. Entsprechend der rein materialistischen Einstellung des Faschismus hat das Land damals bedeutende materielle Fortschritte gemacht. Die Frage, ob es das mit dem Verlust der politischen Freiheit und der Verödung des geistigen Lebens zu hoch bezahlt habe, wollen wir offen lassen und dafür die andere stellen: hätte es diese Fortschritte nicht auch ohne den Faschismus gemacht? Warum sollen: wir annehmen, dieses emsige, genügsame, gescheite Volk hätte all das nicht auch in der Freiheit geleistet? Die Nachkriegswirren waren, als der Faschismus zur Macht kam, zum guten Teil schon entwirrt. Die Vorteile einer gelenkten Wirtschaft wurden durch ein Unmaß an Bürokratie zumindest aufgehoben. Vor allem aber wurde jeder wirkliche Gewinn der Nation in Rüstungsausgaben verpulvert, von denen ein so großer Teil in die Taschen der Herrschenden floß, daß Italien bei Kriegsausbruch ungerüstet dastand. Graziani, Mussolinis letzter Kriegsminister, hat in diesen Tagen vor Gericht ausgesagt, man habe, als Hitler Rom besuchte, Kanonen aus Holz und Blech vor ihm paradieren lassen müssen. Kein Zweifel: Italien war, auch bevor der Krieg, es ruinierte, sehrviel ärmer geworden und vor allem sehr viel unglücklicher, denn-die Kerker füllten sich so, daß man ganze Inseln zu Gefängnissen machen mußte.

Und dann kamen die Kriege. Wer sie in Italien miterlebt hat, darf sagen: sein Volk hat sie nicht gewollt Als die Soldaten aus Abessinien heimkamen und erzählten, man habe mit Senfgas gesiegt, hat es sich ebenso geschämt wie später, als Mussolini an einem Karfreitag das wehrlose Albanien überfiel. Als der Duce dann, von unserem Sieg in Frankreich geblendet, von seinem Generalen hunderttausend Tote forderte, um auf. der Friedenskonferenz mitreden zu können, ging ein Schaudern durch die Nation: sie sah sich am. Anfang vom Ende. Sie mißtraute jedem Sieg und nahm die Niederlagen als Selbstverständlichkeiten hin. So hat die Seele der Nation den Krieg sabotierte Nur einmal habe ich die Italiener jubeln sehen: als Mussolini gestürzt wurde. Sie hatten sich zu früh gefreut, denn nun wurde Italien Kriegsschauplatz. Im Norden organisierte die SS die neufaschistische Republik. Die letzten Schwarzhemden wetteiferten an Grausamkeit mit dem Schwarzen Korps. Zehntausende flohen in die Berge, wo sie einen echten Verzweiflungskampf durchlitten haben.

Als die Alliierten endlich an den Alpen: standen, atmete das Land auf. So schaurig grausam auch das Ende Mussolinis und der Seinen war, dies Blutbad bewirkte, daß die Nation über zwei Jahrzehnte Faschismus bald vergaß, auch den Deutschenhaß. Zwar gab es dann eine politische Säuberung, aber sehr ernst wurde sie nicht genommen. Denn der Verfolgte galt diesem Volke in jedem Kleid als schutzbedürftig; Italien warf sich dem geliebten Frieden in die Arme und begann, wieder auf die Stella d’Italia zu hoffen.

Es hat sich in dieser Hoffnung nicht getäuscht. Wer Italien in diesem vierten Nachkriegswinter wiedersieht, muß sagen: dies geschlagene, verwüstete todkranke Land steht schon am Ende seiner Rekonvaleszenz. Es lebt wieder ein starkes Leben. Sogar den tiefen Schatten, der über Europa liegt, scheint sein Stern aufzuhellen: vom Kriege hört man hier doch weniger reden als anderswo. Es möchte wohl Triest und seine Kolonien wiederhaben, aber das Volk ist innerlich bereit, beides zu verschmerzen.