Der englische Schriftsteller und Kritiker Professor Herbert Read, der die Ausstellung "Englische Malerei der Gegenwart" in Deutschland ermöglichte – sie wurde zuerst in Düsseldorf gezeigt (siehe die "Zeit" vom 23. Dezember 1948) – eröffnete diese Ausstellung jetzt in Hamburg. Aus seiner Ansprache bringen wir einen Auszug, in dem – unseres Erachtens – Wichtiges über die gegenwärtige Situation der Kunst überhaupt ausgesagt wird;

Dies ist eine Ausstellung, die nicht alles bringt, was wir zu bieten haben. Trotzdem bringt de einen echten Querschnitt der heutigen engschen Kunstbewegung. Es handelt sich dabei um eine einheitliche oder zusammenhängende Bewegung. Überall in der Welt befindet sich die Kunst in einem Zustand der Wandlung. Sie spiegelt die geistige und politische Unruhe unserer Zeit, und dies ist tatsächlich ihre eigentliche Aufgabe. Denn eine Kunst, die die Maske akademischer Korrektheit trägt, fern von den Sorgen und Noten unseres täglichen Lebens, ist keine Kunst, die uns heute innerlich zu bewegenvermag, noch wird sie künftig geschätzt und gesammelt werden.

In dieser Ausstellung sind ebenso viele Stile wie Maler vertreten. Wenn Chaos herrscht, so Muß sich zunächst jeder von uns selbst einen neuen Begriff von Ordnung schaffen, und nach einiger Zeit werden wir dann erkennen, daß ich unbewußt eine allgemeine Ordnung aus ansern gemeinsamen Nöten und Bemühungen entwickelt hat. Eine andere, mehr, abwehrende Aufgabe wird dann um so deutlicher hervorgreten: jener Diktatur der Mode, des Snobismus oder der politischen Ideologien, die so oft in der Vergangenheit eine echte Entwicklung der Kunst behindert haben, nachdrücklich entgegenzuwirken.

Es sei zugegeben, daß vielleicht einige unserer Künstler ihre Experimente so weit vorgetrieben haben, daß das große Publikum ihnen nicht mehr zu folgen vermag. Sie taten das aber nicht aus dem Bestreben, originell oder exzentrisch in erscheinen, sondern, weil ihr Gefühl dem ansrigen voraus ist. So sind sie in der Lage, vielleicht nicht so sehr die Dinge, die da kom-"en" auszudrücken als vielmehr den schon lebendig in uns wirkenden, aber von uns selbst noch unformulierten Empfindungen sichtbare Gestalt zu verleihen. Nach einigen Jahren ernennen wir. daß uns diese Kunst nicht mehr remd ist. In ihrer Formenwelt hat dann unser heimatloser Geist eine bewohnbare Stätte geünden.

Ich habe nicht die Absicht, die Kunst meiner Heimat als originell, noch weniger als überlegen anzupreisen. Ich glaube aber, daß in den vergangenen 30 Jahren die Künste in England sich zu einem Rang entwickelt haben, der nicht mehr provinziell, sondern europäisch ist, Die Dichtung Eliots, die Musik Brittens, die Bildhauerkunst Henry Moores – das sind Leistungen, die überall in der Welt, Anerkennung gefunden haben. Es mag fraglich sein, ob wir schon einen Maler von gleicher Bedeutung besitzen, ich möchte aber glauben, daß wir drei oder vier haben, die Beachtung verdienen und die schließlich das ihrige dazu beitragen werden, daß eine gemeinsame europäisch Kultur wiederersteht, an die wir glauben müssen, wenn wir nicht sterben wollen.