Trotzdem fanden wir natürlich Gelegenheit, mit anderen jungen Leuten, die ein ähnliches Schicksal erlebt hatten, "Gedankenaustausch" zu pflegen. Da war Robert B., ein Berliner, der während des Krieges als Soldat nach Kopenhagen geraten war. Dort hatte er sich verlobt und nach Kriegsende keine möglichen und unmöglichen Wege ausgelassen, zu seinem Eheglück zu kommen. Er war "schwarz" über die Grenze und in die Arme seiner Braut geeilt. Friseur von Beruf, verfügte er über ein künstlerisches Talent und malte Bilder, die gefielen und gekauft wurden. Davon wurde eine kleine Atelierwohnung eingerichtet, und man mußte, ob man wollte oder nicht, eben ohne dänischen Trauschein auskommen. Das Glück der beiden dauerte ein halbes Jahr. Dann pochte es mitten in der Nacht an die Tür. Nach langen Vernehmungen entführte ein Polizeiwagen den Bräutigam nach Kupfermühle zur deutschen Grenzstation, eineweinende Braut blieb zurück, die am Leben und seinen geschriebenen Gesetzen schier verzweifelte. Robert erhielt eine Gefängnisstrafe mit Bewährungsfrist und wurde nach ernsten Ermahnungen wieder auf freien Fuß gesetzt. Zwei Tage später war er wieder in Kopenhagen und gab damit seiner unter Tränen lächelnden Braut den absoluten Treuebeweis. Wieder verging die Zeit in vollem Glück, bis es von neuem an die Tür klopfte. Diesmal war Robert entschlossen, es den Hütern des Gesetzes nicht so leicht zu machen. Er entsprang aus der Atelierwohnung aufs Dach, und nicht nur die Polizei, sondern die Feuerwehr und ein Rettungswagen wurden alamiert. Bald schaute aus jeder Dachluke ein pistolenbewaffneter Polizist. "Drei Stunden dauerte das Ganze", erzählte Robert. "In den Straßen hatte sich eine Menschenmenge angesammelt. Dann wurde es mir zu dumm, und ich stieg da wieder rein, wo ich rausgekommen war..." Natürlich hatte dort schon ein Polizeibeamter auf der Lauer gelegen. Handschellen knackten und dasSchluchzen der verhinderten Ehefrau klang hinter Robert her, der mit mehreren Monaten Gefängnis die Mühewaltung, der sich die Polizei ihm zuleide unterworfen hatte, bezahlen mußte. Wieder wurde er nach Kupfermühle gebracht. Diesmal lautete der deutsche Richterspruch auf eine höhere Strafe, jedoch wiederum mit Bewährungsfrist. Am nächsten Tage schloß Robert seine Liebste wieder in die Arme. Weil das Maleratelier ihm keinen sicheren Unterschlupf mehr zu bieten schien, verdingte er sich diesmal als Barbier, und während er tags den Bewohnern des dänischen Königreichs die Kehle schabte und den Kopf wusch, kampierte er nachts in ständig wechselnden Unterkünften. Bis die Polizei ihn auch diesmal wieder ergriff. "Die Verhaftung Robert Bolitzkis ist immer mit dramatischen Umständen verbunden" –: diese Schlagzeile wählte eine Kopenhagener Zeitung. "Bilder brauchten die dänischen Zeitungen nicht mehr von mir", so schloß Robert seinen Bericht, "die hatten sie noch vom letztenmal."

Mitleidig, hatten wir seiner Erzählung zugehört. Wann mag sich das Glück der beiden Liebenden erfüllen?

Ganz anders war es einem anderen Leidensgenossen, Hans R., ergangen. Er war Rheinländer und war von Jugend auf begabt für die romanischen Sprachen, Quer durch Frankreich war er als blinder Passagier in Eisenbahnzügen zur spanischen Grenze gereist und richtig an einer Stelle angekommen, von der er schon bei seiner Abreise in Trier gehört hatte, man brauche dort nur nachts zwischen zwei und drei frischfröhlich über eine Eisenbahnbrücke zu wandern: schon sei man in Spanien.