Amerikas Außenminister George Marshall hat seinen Rücktritt erklärt. Er hat hierfür keine Gründe angegeben und nur sachlich ohne Vorwurf und ohne Vorwand an den Präsidenten geschrieben "Ich bedaure, daß sich für mich die Notwendigkeit ergeben hat, mein Rücktrittsgesuch als Außenminister einzureichen." Präsident Truman, so wird berichtet, hat nicht verhehlt, wie sehr ihn die Trennung von seinem bewährten Mitarbeiter schmerze, und niemand hat Grund gehabt, an der Aufrichtigkeit dieser Worte zu zweifeln. Und doch hat man, anderseits feststellen müssen, daß es für General Marshall, ganz abgesehen von seiner schweren Nierenoperation, kaum möglich gewesen wäre, in seinem Amte zu bleiben.

Der Präsident hat auf der Pariser UNO-Tagung, auf der General Marshall die USA vertrat, zweimal – wohl um des Wahlerfolges willen – ohne seinen Außenminister zu fragen, das Steuer der Politik herumgeworfen. Er hat den Bernadotte-Plan für Palästina, den UNO-Teilungsplan also, dem Marshall zugestimmt hatte, abrupt abgelehnt und sich damit viele New Yorker Stimmen erobert, und er hat weiter angekündigt, er werde den Bundesrichter Vinson als Friedensvermittler zu Stalin schicken. Das hat ihm zwar viele Wähler eingebracht, die sonst für Wallace gestimmt hätten, aber, diese Ankündigung war zugleich ein Schlag gegen die Politik, die Marshall zur gleichen Zeit im Sicherheitsrat bei der Behandlung der Berliner Frage, vertrat.

Von anderer Seite und offenbar mit Billigung des Präsidenten wurde zudem im gleichen Monat eine Entschließung gefaßt, die den Aufbau des State Department scharf kritisierte und grundlegende Änderungen vorschlug. Ein Unterausschuß der Hoover-Kommission hat festgestellt, daß die Zahl von vier Männern, die allein im State Department selbständige. Entschlüsse fassen können – der Staatssekretär, der stellvertretende Staatssekretär, der Counselor und der Chief Planning Officer – nicht genüge, daß die vier überbürdet seien und daher die Arbeit in Kommissionen stecken bleibe. Aber eben dies war eine Einrichtung, die Marshall geschaffen hat, um eine strikt einheitliche Leitung der Politik sicherzustellen. Die drei anderen Posten neben ihmhatte er mit Männern, seines Vertrauens besetzt, mit Lovett, der mit ihm zurückgetreten ist, Bohlen und Kennan. Jetzt sollen die Posten von zwei stellvertretenden Unterstaatssekretären und sechs Assistant Secretaries, die alle selbständig entscheiden können, neu geschaffen werden. Damit ist der Staatssekretär selber nur noch primus inter pares. Der eigentliche Außenminister ist der Präsident. Für Marshall, der gewohnt war, seine Entscheidungen selbst zu treffen und ihre Durchführung persönlich genau zu überwachen, wäre eine solche Beschneidung seiner Rechte kaum erträglich gewesen.

Einer der Vorsitzenden dieser Hoover-Kommission ist Dean Acheson gewesen, der jetzt Nachfolger von Marshall wird. Geschmeidiger als der General, mit sehr viel Erfahrung aus der Zeit, als er Unterstaatssekretär unter Byrnes und Marshall war, wird er doch die infolge der Haltung Sowjetrußlands zwangsläufig gewordene Außenpolitik der USA nicht ändern-können und wollen. Er hat, als er noch im Amte war, geholfen, sowohl die Truman-Doktrin wie den Europa-Hilfsplan auszuarbeiten, und er hat bereits im Februar 1947 sich scharf gegen Sowjetrußland ausgesprochen. So erwartet man in Amerika, daß sich seine Politik nur in Nuancen von der seines Vorgängers unterscheiden wird.

General Marshall hat mit jener vollendeten Loyalität, die ihn auszeichnet, mit seinem Rücktritt gewartet, bis die Präsidentenwahl vorbei war. Die Nachricht, daß er sein Amt. niederlegt, hat in Deutschland aufrichtiges Bedauern ausgelöst. Man hatte sich daran gewöhnt, in ihm den getreuen Eckart Europas zu sehen. Selten wohl ist es einem siegreichen Feldherrn in so kurzer Zeit gelungen, die Achtung und das Vertrauen; des Besiegten zu gewinnen. Tgl.