Von Werner Haftmann

Sind die Gedenktage Heute nicht oft Trauertage? Die Zeit der fröhlichen Jubiläen ist vorbei, weil, unsere Gegenwart so freudlos ist. Eine gegenstandslose Wut, die die Völker und ihre Herren in eisernem Griff hält, zerreibt unser ganzes altes humanistisches Erbe. Und unter der Tarnung – weltgeschichtlicher Auseinandersetzung (die auch darin bestehen kann, daß man die Männer guten Willens – auch Gandhi, auch Graf Bernadette – erschlägt) wird langsam unsere Erinnerung vernichtet. Diese abstrakte Wut! Wo die siegreichen Heere vordrangen, wurden in jüngster Vergangenheit die Häuser, die Kirchen, die Bilder zerstört, ohne Notwendigkeit, ohne Nutzen, als hätte auch noch die Erinnerung an die einstige Schönheit des Lebens getötet werden müssen.

Bremen hatte kürzlich ein schönes Jubiläum feiern können; der Kunstverein blickt auf eine 125jährige Geschichte zurück, die Kunsthalle auf einhundertjähriges, der Neubau der Kunsthalle auf ein fünfzigjähriges Bestehen. Eine kleine Festschrift, die soeben erschienen ist, versucht nun in gedämpft optimistischem Tone den festlichen Moment festzuhalten. Aber doch verhüllt sie nur mühsam ein gewaltiges Erschrecken. Sie macht zum ersten Male die Öffentlichkeit mit den Verlusten der Bremer Kunsthalle bekannt. Bremen hat verloren: 38 Gemälde, 1600 Handzeichnungen, 2000 Blatt Druckgraphik. Und was für Dinge verbergen sich hinter der gleichgültigen Zahl! Unter ihnen ist der größte Schatz des Bremer Kupferstichkabinetts: die Dürer-Blätter, 50 Dürerzeichnungen, darunter die acht weltberühmten Landschaftsaquarelle, die zu den kostbarsten Zimelien der abendländischen Kunst gehören, weil sich in ihnen zum ersten Male ein feurig suchender, Geist unmittelbar mit der Landschaft konfrontierte und damit ein Thema anschlug, das die Malerei der letzten 500 Jahre immer stärker bestimmen sollte – die unmittelbare visuelle Auseinandersetzung mit der sichtbaren Welt. Die Blätter waren aus der Sammlung des Herzogs Albert von Sachsen, die den Grundstock der Wiener ‚Albertina‘ bildete, über einen Hamburger Sammler nach Bremen gekommen, wo sie 1852 der Kunsthalle als Legat zugefallen waren. Von den anderen verlorenen Blättern Dürers seien nur die berühmtesten erwähnt: die Pinselstudien für den Heller-Altar, die Studie des Christuskindes für die Berliner ‚Madonna mit dem Zeisig‘, die Silberstiftzeichnung der ‚Beweinung Christi‘ von 1522 und die beiden Selbstbildnisse als Schmerzensmann und als Akt.

Nicht viel leichter wiegen die Verluste an Gemälden. Das international berühmteste Bild darunter ist die 1423 datierte Madonna von Masaccio, des größten Meisters der florentinischen Frührenaissance, die 1832 aus der Sammlung des Braunschweiger Malers Base nach Bremen kam. Schon der seit einem halben Jahrhundert unter den Kunstgelehrten der Welt waltende Streit, ob das Bild vielleicht von Masolino anstatt von Masaccio gemalt worden sei, kann einiges über die Bedeutung dieses Gemäldes sagen. Es steht genau auf der Schnittgrenze, wo in die feingliedrige, eurhythmisch bewegte, dekorativ schmiegsame Welt der ‚internationalen Gotik‘, die über Böhmen und Burgund auch das archaisch-strenge Florenz um 1400 beeinflußte, eine neue konstruktive Ernsthaftigkeit wie ein Ruf zur Ordnung einbricht und wo die große Form Giottos aus einem neuen Erlebnis der Natur wiederersteht. Die florentitnische Renaissance! Von hier aus nahm eine Entwicklung ihren Ausgang, die in wenigen Jahrzehnten die Sensibilität des Abendlandes vollkommen umgestaltete und Raffael und vollkommen hervorbrachte. – Es ist aber noch viel mehr zu bebrachte. Unter den Italienern: ein kleiner Jacopo da Casentino, ein Taddeo Gaddi, Montagna, Tintoretto, Bordone, Guardi: unter den alten Tintoretto, ein herrliches Männerporträt von Lukas Cranach, ferner die Männerporträt und von Christuskopf von Dürer; unter den Niederländern: Ruisdael, van Goyen, Ostade, Terborch. Und dann Werke des 19. Jahrhunderts! Da fehlen unersetzliche Meisterwerke: die "Abendliche Waldszene‘, wohl eines der schönsten und freiesten Bilder Hans von Marées’, sein ‚Selbstfreiesten dann drei hervorragende Leibls, darunter das im Todesjahr des Meisters (1900) gemalte kostbare Bildnis der Frau Rossner. Und von Renoir ging das köstliche, von Pauli 1910 erworbene Bildnis der Mme. Chocquet verloren, eines der in Deutschland so seltenen Figurenbilder. des großen Franzosen.

So scheint die Bremer Kunsthalle das am schwersten getroffene Museum Westdeutschlands zu sein. Wie es zu diesen Verlusten kam, wird in der kleinen Festschrift nicht gesagt. Man weiß darüber auch wohl nur wenig und ungenaues. Die Bilder und Zeichnungen waren auf einem Herrensitz im Brandenburgischen ausgelagert und scheinen noch 1945 vorhanden gewesen zu sein. Der Herrensitz wurde später zu einem Erholungsheim für ehemalige KZ-Insassen bestimmt, und vor oder während der Belegung wurden die eingelagerten Bestände restlos geplündert Ein zertrampelter und verrotteter Packen von Handzeichnungen wurde in einiger Entfernung auf einem Misthaufen gefunden. Es ist wahrscheinlich, daß streunende deutsche Zivilisten diesen Raubmord an diesen großen Werten unserer Kultur begangen haben; auch sie von dieser abstrakten Wut getrieben, das Elend ihres Elends am Erhabenen und Schönen durch Totschlag zu rächen, so wie manchmal in den schweigenden, erhabenen Nächten der Berge Betrunkene in den Tälern gröhlen, um die angstvolle Einsamkeit ihres Elends zu übertönen. Viele gibt es heute von dieser species Mensch: Seltsam tödliche Ingredienz in der modernen Gefühlswelt!