Von Herbert Fritsche

Professor Dr. Will-Erich Peuckert, Kunsthistoriker an der Universität Göttingen, ist als Verfasser von Werken über Jakob Böhme, Paracelsus, Sebastian Franck, ferner über die Rosenkreuzer und die Pansophen bekannt. Jetzt ist (im Verlag Claassen und Goverts, Hamburg) unter dem Titel "Die große Wende" sein umfangreiches Werk über die Geistes- und Kulturgeschichte der Reformation erschienen. – Der vorliegende Aufsatz ist das Ergebniseiner Begegnung mit dem Gelehrten.

Da hatte Franckenberg also das Land, geräumt. Hals über Kopf. Schwer ist es ihm gefallen. Umherstreifende Marodeure hätten ihm einen besonders nahen Freund, Johannes-Theodor von Saurma-Jeltsch, erschossen. Da schnürte er sein Bündel zu einer Pilgerreise in das Gelobte Land. Er kam nur bis Ragusa. Dort hatte er die Habe auf einem Schiff verstaut. Während er noch einmal die Stadt besah, segelte das Schiff ins Weite. Arm kehrte er heim." So erzählt uns Will-Erich Peuckert, der Historiker des verborgenen deutschen Gottsuchertums, von Abraham von Franckenberg, dem fast die Hälfte seines Rosenkreuzer-Buchs gewidmet ist. Und in Peuckerts Roman "Apokalypse 1618" begegnen wir einem greisen Flüchtling, der einsam durch die Sudetenwilder irrt, mit nichts, als einigen seiner Traktätchen im armseligen Bündel: der Pansoph Comenius, ein Vertriebener, der sich aufrecht erhält, weil er auch im Nichts das All zu finden weiß.

Eine jahrzehntelange Beschäftigung mit Alchemisten und Theosophen, mit den Landfahrern Gottes und den Meistern geheimer Künste, jahrzehntelanges Erfülltsein vom Arcanum des Paracelsus, von Jakob Böhmes Lilie, von der pansophischen Schau in die Allheit und vom rosenkreuzerischen Traum einer Generalreformation der Welt – das muß wohl, wie jegliche Liebe, bis ins Leibliche hinein wirken und eine Magie entfalten, die das Schicksal formt. Der Biograph des Kopernikus, des Paracelsus, Jakob Böhme und Sebastian Franck, der Kulturhistoriker der rosenkreuzerischen und pansophischen Bewegung, der Freund und Herausgeber Carl Hauptmanns, der schlesische Sagensammler und gottinnige Dichter, – dessen Lyrik Hugo von Hofmannsthal an die Spitze der deutschen Lyrik überhaupt und über seine eigene, stellte – in Hassel, weit hinter Liegnitz, hauste er als gelehrter Eremit, nachdem der Nationalsozialismus ihn vom Breslauer Universitätskatheder vertrieben hatte. Peuckert, der vergrabene und vergrübelte, der sich im Feuer des Schaffensfleißes und der begnadeten Schau verzehrende Gottesfreund. Wie ein Schutzwall ummauerten ihn die Schweinslederbände des Reformationszeitalters, jener einzigartigen Bibliothek, die mit Kriegsende der Vernichtung anheimgefallen ist.

"Wären diese Unersetzlichkeiten wenigstens nur gestohlen und verschleppt worden!", sagt er zu mir in dem herbstlichen Zwielicht, das durch mein Zimmer spinnt. Nur schwer kann ich mich an den Gedanken gewöhnen, daß der grauhaarige Humanistenkopf aus dem 16. Jahrhundert, um den soviel Weltgeheimnis wittert und über dessen Züge zuweilen ein Eulenspiegellächeln huscht, einem Professor für Germanistik an der Göttinger Universität gehört. Ja, ich kann ihn mir vorstellen, wenn er über Geistesgeschichte und Volkskunde liest – aber ich weiß zugleich, daß ich als sein Hörer Mühe hätte, dem Kolleg zu folgen; einem gar zu mächtigen Zauberer des Worterund des Wirkens. Die Fülle der Geister, die er in unseren Alltag zu bitten wußte (und siehe, der Alltag wurde zum Feiertag!), die Ballung der Geschicke, zu deren Künder er sich machte, umwaltete ihn und bannten das Bewußtsein dessen, der ihm gegenübersitzt.

Universitätsprofessor – was will das heute heißen? – Nach einer Flucht gleich der des Comenius, nach einer Verarmung gleich der des Böhme-Jüngers und Angelus-Silesius-Erweckers Abraham von Franckenberg lebt Will-Erich Peuckert, wie so viele andere bedeutende Geister unserer Zeit, in einer Umwelt bedrängnisreichster Wohnraumnot, in einem Alltag voller Heizungs-, Literatur- und Material sorgen Pansophenschicksal. Pansophenschicksal, denn die Überfülle seines Begnadetseins leuchtet alle grauen Räume aus. Jakob Böhmes Spruch bewährt sich an ihm wie kaum je an einem: "Wem Zeit wie Ewigkeit Und Ewigkeit wie Zeit, / Der ist befreit / Von allem Streit."

Als ich den international berühmten Kulturhistoriker im Hotelzimmer abholte –, erschrak ich zuerst über das Bild, das sich mir bot: kahle Wände, ein unbezogenes Bett, eisige Kälte im Raum; er selbst, in seinen Mantel gehüllt, auf und nieder gehend in dem trüben Geviert. Aber schon im nächsten Augenblick war ich ganz eingehüllt von der Eigenart seiner Lebensweisheit, die man vielleicht als eine Art religiösen Humors bezeichnen kann: "Warum für morgen, für übermorgen sorgen und planen! Heute, heute muß gearbeitet werden. Und im übrigen denke ich garnicht daran, dem lieben Gott seine Arbeit abzunehmen. Ich gehe einstweilen an meine eigene."–Mein Blick gleitet während dieser Worte im Geiste über Regalreihen, auf denen die Bücher aus seiner Feder stehen. –