Von Marion Gräfin Dönhoff

Der Ministerrat in Warschau hat einen Gesetzentwurf angenommen, mit dem das für die Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie zuständige polnische Sonderministerium aufgelöst wird und diese Gebiete in die reguläre polnische Verwaltung eingeliedert werden. Das Gesetz tritt sofort in Kraft und wird nach den Parlamentsferien vom Sejm nachträglich genehmigt werden – womitdenn die demokratischen Formen des Selbstbestimmungsrechts der Völker in eindrucksvoller Weise gewahrt waren! Mit einem von niemand in der Welt beachtetet Federstrich hat sich Polen also unter dem Protektorat, Stalins, der schon im Oktober 1946 erklärt hatte "die Sowjetregierung betrachtet die Westgrenze Polens als endgültig", ein Viertel des alten deutschen Reichsgebietes angeeignet. Stalin hat schon einmal seine großzügige Konzeption hinsichtlich der Errichtung und Auslöschung historischer Grenzen, unter Beweis gestellt: Am Vorabend des polnischen Feldzuges, am 31. August 1939, hatte er in einem Geheimabkommen mit Hitler die vierte Teilung Polens beschlossen, die ihm den Teil; Ostpolens sichern, den die Sowjets im Vertrag von Riga art die Polen hatten abtreten müssen. Vier Wochen später, nach Beendigung des polnischen Feldzuges, wurde dann in Moskau zwischen ihm und Hitler ein Vertrag unterzeichnet, der feststellte, daß der polnische Staat zu bestehen aufgehört hätte.

Wie die meisten Entscheidungen totalitärer Staaten, für die historische Gegebenheiten und, Gesetze bekanntlich nicht existieren, so war auch diese "Feststellung" wenige Jahre später, durch die Entwicklung überholt und der polnische Staat zu neuem Leben erstanden. Man kann den ungebrochenen Optimismus, mit dem der gleiche Stalin heute glaubt, die 800jährige Geschichte der deutschen Ostprovinzen auslöschen zu können, nur bewundern. Bisher hat sich noch immer gezeigt, daß die innere Gesetzmäßigkeit und das Beharrungsvermögen geschichtlicher Entwicklung letzten Endes stärker waren als die Willkür aller Eroberer, die seit Dschingis Khans Zeiten in reicher Zahl über die Weltbühne gezogen sind.

Die westlichen Alliierten Stalins haben von der eigenmächtigen Handlungsweise der polnischen Satelliten keine Notiz genommen, obgleich diese mit einer verwaltungsmäßigen Verfügung – ein Gebiet annektiert haben, das ihnen nur zur einstweiligen treuhänderischen Verwaltung übertragen werden war. Wie lauteten doch die Vereinbarungen? Im Schlußprotokoll der Konferenz von Jalta wurde erstmalig bestimmt: "Die endgültige Festsetzung der polnischen Westgrenze wird der Friedenskonferenz überlassen." Im Kapitel IX des Potsdamer Abkommens wurde dieser Passus noch einmal wörtlich bestätigt und hinzugefügt: "Die Chefs der drei Regierungen sind übereingekommen, daß die früheren deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie sich bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens unter Verwaltung des polnischen Staates befinden sollen und in dieser Hinsicht (!) nicht als ein Teil der sowjetischen Okkupationszone in Deutschland betrachtet werden sollen."

Marshall stellte dann 1947 auf der Konferenz in Moskau den Antrag, eine Grenzkommission für die endgültige Grenzfestsetzung zu bilden. Auf der Londoner Konferenz mußte er jedoch abschließend feststellen, daß die deutsche Ostgrenze zu den Verhandlungspunkten gehörte, über die keine Einigung erzielt werden konnte. Aber gegen das neue fait accompli hat weder er noch die britische Regierung protestiert. Kein Wunder, denn die Politik der Westmächte in dieser Frage ist keineswegs immer so konsequent gewesen, wie sie seit Jalta erscheint, und wahrscheinlich ist es die Erinnerung an jene vorangegangene Epoche bereitwilliger und kurzsichtiger Zugeständnisse, die heute einem überzeugenden Protest im Wege steht.

Solange der Westen glaubte, den künftigen polnischen Staat mit Hilfe der in London tagenden Exilregierung fest in der Hand zu haben, war besonders die englische Regierung sehr großzügig in ihren Versprechungen gewesen.: die von Rußland gewünschte Abtretung polnischer Gebiete durch Überlassung deutschen Gebietes zu

kompensieren. Churchill war schon in Teheran im Oktober 1943 bereit, die Oder als Grenze zu akzeptieren und im August 1944 hatte er den Polen, um sie für die russischen Forderungen gefügig zu machen, erstmalig den Hafen Stettin angeboten. Am 2. November 1944 schrieb der englische Unterstaatssekretär Alexander Cadogan an den Außenminister der polnisches Exilregierung, Tadeusz Römer, einen Brief, der jetzt in der polnischen Dokumentensammlung erstmalig veröffentliche worden ist und in dem es heißt, daß Seiner Majestät Regierung es für berechtigt halte, Polens Westgrenze bis zur Oder vorzuschieben, und daß selbst, wenn die Amerikaner dagegen sein sollten, England diesen Standpunkt auf der Friedenskonferenz vertreten würde und auch bereit wäre, mit den Sowjets zusammen eine Garantie für die Unabhängigkeit und Integrität des neuen polnischen Staates zu geben.

Diese ganze Einstellung änderte sich grundlegend, als im Dezember 1944 in Warschau eine Regierung aus den Kreisen des sowjethörigen – Nationalen Befreiungskomitees gebildet wurde, und die Londoner Exilregierung ganz in den Hintergrund trat, weil sie trotz der großzügigen Angebote, auf Kosten Deutschlands entschädigt zu werden, nicht bereit war, die Polnischen Ostgebiete an Sowjetrußland zu übertragen. Die einzigen, die oft genug erfahren haben, daß, wenn die geschichtlichen Gegebenheiten nicht respektiert werden, die willkürlichen Vorteile von heute leicht zur Ursache für die Nachteile von morgen werden, waren Mikolajzeck und die Nationalpolen. Nicht nur ihre sowjetisierten Landsleute, sondern auch der Westen hätten viel von ihnen lernen können.