Es war ein weiter aber gerader Weg von dem Geburtshaus in Basel bis in das führende Gremium des Weltkirchenrats in Genf. Es war der Weg eines Anwalts Deutschlands, des Bischofs Wurm. Seiner Ehrfurcht gebietenden Gestalt fehlt jede episkopalische Feierlichkeit; dem politischen Akzent seiner: Predigten und Hirtenbriefe jeder diplomatische Schnörkel. Aber wenn der Achtzigjährige am 20. Januar von seinem Amt als Landesbischof Württembergs und Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirchen in Deutschland zurücktreten wird, hinterläßt er ein Lebenswerk, das in der Organisation der EKD zum erstenmal dem deutschen Protestantismus ein gemeinsames Dach gab und zugleich als letzte Klammer alle vier Besatzungszonen verbindet.

Bis zu der anhaltenden Krankheit des Bischofs, waren die ständigen Besucher des Hauses in der Stafflenbergstraße in Stuttgart nicht überrascht, wenn ihnen der Hausherr selbst öffnete. Seine Rüstigkeit war sprichwörtlich. Vor wenigen Jahren noch predigte er fast jeden Sonntag an einem anderen Ort und arbeitete ausschließlich am Stehpult. Nur widerwillig zog er sich des Alters wegen, das ihn nun zum Rücktritt zwingt, hinter seinen Schreibtisch mit Kruzifix und Telefon, zurück, Das Arbeitszimmer des zugleich ausgezeichneten Historikers mit den dunkel getönten Holzmöbeln scheint dem vergangenen Jahrhundert zu entstammen; seine Studierstube als Pfarrer in Ravensburg, als Dekan in Reutlingen und Prälat in Heilbronn kann nicht schlichter gewirkt haben. Bischof Wurm ist sich stets treu geblieben. Das brachte ihm unter Hitler, als er gegen die Politik des Reichsbischofs Müller, gegen Judenverfolgung und Euthanasie protestierte, zeitweilig Schutzhaft und Beurlaubung ein. Doch wie kein anderer Mann der Kirche fand er das Ohr des "Anderen Deutschland". "Wie es doch den Murr wurmt, wenn der-Wurm murrt", spöttelten die Untertanen des Reichsstatthalters Murr bei mancher Gelegenheit. Denn die feine beinahe zu zierliche Stimme könnte von jeher von schneidender Ironie und Härte sein. Sie bebte nicht vor Fürstenkrönen, Ministern, Diktatoren und Generälen. "Verbrecherische Methoden" und "abscheuliche Quälereien", nannte D. Wurm nach Kriegsende die Dachauer Verfahren. Nürnberger Prozesse, Interniertenlager, Kriegsgefangene, Hinrichtungen in Landsberg und Entnazifizierung – wo immer-, die Macht das Recht zu überschatten drohte, wo immer also die göttliche Ordnung nach Ansicht des Bischofs in Gefahr war, zögerte der hochgewachsene, leicht gebeugte Sprecher des evangelischen Deutschlands keine Sekunde, schonungslos zu warnen. "Nichts und niemand in der Welt soll uns hindern, Christen zu sein und als Christen einzutreten für das, was Recht ist vor Gott." Jener eine Finger, der in Windeseile über die Tasten der bischöflichen Schreibmaschine hüpfend, diesen Satz am Ende eines Briefes in alle Mitglieder der Hitler-Regierung niederschrieb, tippte ungewollt im Laufe eines gläubigen Lebens auch einen Namen in das Buch, nicht nur der ökumenischen Geschichte: Theophil Wurm.