Wenn das traditionell „exportorientierte“Hamburg sich über die deutsche Lage innerhalb der Weltwirtschaft äußert, lohnt es sich hinzuhören, da die Hafenstadt den Export ja nicht nur aus ihrer speziellen Verkehrssituation zu betrachten pflegt. So war der Festsaal, in dem das Hamburger Weltwirtschaftsarchiv sein 40jähriges Bestehen feierte – gleichzeitig eine Feier zu Ehren der Mitarbeiter, die den Wiederaufbau nach den Kriegs- und Nachkriegsschwierigkeiten tatkräftig in die Wege geleitet hatten –, nicht besetzt von den üblichen gelangweilten Ehrengästen, sondern von export-interessierten kritischen Persönlichkeiten,, die sich informieren wollten über das Rüstzeug, das diese Stätte wieder zu bieten vermag. Und sie wurden nicht enttäuscht; weder von dem Schrifttum, das trotz aller zeit- und raumbedingten Mängel, in seiner Reichhaltigkeit (für jeden viel, und dies fundiert) überraschte, noch von dem Niveau, auf dem die Festreden sich bewegten.

Der Vortrag des Hamburger Wirtschaftssenators, Professor Schiller, stand im Mittelpunkt. Man müsse, so führte er aus, bei allen Überlegungen, wie Deutschland wieder in die Weltwirtschaft eingeschaltet werden könne, die Strukturwandlung erkennen, die mit der Ablösung Großbritanniens als Welthandelsfaktor Nr. 1 durch die USA eingetreten sei; die Vereinigten Staaten seien weitaus weniger außenhandelsgebunden als die Insel vorm europäischen Kontinente Mit der wirtschaftlichen und politischen Aufteilung der Welt in zwei große Blöcke blieben den Ländern des europäischen Festlandes nur zwei Möglichkeiten der Bindung offen: die Anlehnung an den Osten oder an die USA. Wohl könne der Volkswirt die politische Situation nicht ändern, aber rein ökonomisch sei der beste Ausgleich die Verbindung beider Möglichkeiten. Dabei müsse erkannt werden, daß die „Kontinentalsperre“ gegenüber dem Osten augenblicklich nur Deutschland auferlegt sei. Der Intertonenhandel unterliege größeren Schwierigkeiten als der Warenaustausch zwischen West und Ost der uns benachbarten Staaten.

Auf die binneneuropäische Lage eingehend, skizzierte der Redner die besonderen Erschwerungen des interkontinentalen Warenaustausches durch folgende Faktoren: Großbritannien sei auf Grund des Verlustes seiner Auslandinvestitionen gezwungen, seine Zahlungsbilanz durch verstärkten Export auszugleichen. Und Deutschland, das vor dem Weltkrieg gegenüber den übrigen Ländern des Festlandes eine aktiv“ Zahlungsbilanz gehabt habe, sei durch die weltwirtschaftspolitischen Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit heute nicht mehr in der Lage, Resteuropa seine Produkte in gleicher Weise anzubieten wie früher. Hieraus resultiere die Zerstörung der Arbeitsteilung, im besonderen zwischen West- und Südosteuropa, die die europäische Gesamtwirtschaft so unproduktiv gestalte. Wohl seien im Longterm – Programm für die Westzonen nunmehr die Voraussetzungen geschaffen, unser Land wieder über die europäische Wirtschaft in die Weltwirtschaft einzugliedern. Aber, hierbei müsse in Deutschland beachtet werden, daß unser Export für viele Länder ein konkurrierendes Angebot darstelle, auch wenn gemäß der Vorplanung des Pariser Marshall-Plan-Büros die nationalen Produktionspläne aufeinander abgestimmt würden. Es sei daher richtig, von Beginn an dafür zu sorgen, daß die deutsche Ausfuhr breit gestreut in die Welt gehe. Um dieses Ziel zu erreichen, sei es weniger wichtig, die im Laufe der Zeit immer wieder zu unseren Gunsten geänderten Außenhandelsverfahren zu kritisieren, als die Freiheit zu eigener, das heißt deutscher Handelspolitik, zu fordern.

Diese müsse Hand in Hand gehen mit einer wirksamen Devisengesetzgebung, die man nicht Privatwirtschaftlern, also interessengebundener Selbstverwaltung überlassen könne, die vielmehr in der Hand des staatlichen Wirtschaftspolitiken zu bleiben habe. Weiter schlug Professor Schiller vor, man möge uns zur Schaffung neuer Exportmärkte – und wir müßten diese nach der langen Abwesenheit vom Weltmarkt wieder neu erschließen – Devisen für Importe so zuteilen, daß wir auf Grund bilateraler Verträge Importe von da bezichen können, wohin wir auch liefern wollen. W–n.