Es ist eine der Grundlehren moderner Biologie, daß zum Beispiel bei vielen komplizierten körperlichen Funktionen (beim Singen, Spielen von Musikinstrumenten wie Violine, Klavier, selbst beim Reiten, Skifahren und so weiter) die Entspannung die entscheidende Rolle spielt. Dazu ist sie ein Zustand, der dem modernen Europäer – wozu auch der moderne Amerikaner zu rechnen ist – schwerer zu erreichen scheint, dem Charakter unserer Zivilisation, die so sehr auf Energiespannung eingestellt ist, ferner liegt, gerade darum aber für uns von besonderer Bedeutung ist. Diese Entspannung, die aller Spannung vorausgeht und jeder Art von Spannung erst Möglichkeit und Ausmaß gibt, ist in der Musik – das muß mit aller Deutlichkeit gesagt werden – in voller Kraft nur durch die Tonalität gegeben. Nur diese ist imstande, den Entspannungszustand objektiv existierend darzustellen (subjektiv, als persönliche. Stimmung, läßt sich natürlich alles und jedes behaupten) und dies zwar deshalb, weil ihr der natürliche Urzusammenklang, der Dur-Drei klang, als bestimmende Macht zur Verfügung steht. Dieser Drei klang hat zwei Eigenschaften, die die Entspannung ausmachen:

1. Er ist ein Anfang oder ein Ende, es liegt – also implicite eine Art Ortsbestimmung darin (welche Bedeutung diese Ortsbestimmung biologisch hat, werden wir noch sehen), er ist also kein Durchgang. 2. Er ist sich selbst genug. Er vermag daher ewig zu dauern. Gewisse Anfänge sinfonischer Werke (der Anfang der romantischen Sinfonie von Anton Bruckner zum Beispiel mit seinem ruhigliegenden Es-Dur-Akkord) geben das Urbild der in der Musik möglichen Entspannung wieder.

Auf dem festen Grunde dieses Dreiklangs erhebt sich in der tonalen Musik nun die Kadenz. Aus der Ent-Spannung erwächst die Spannung, um die Vielgestalt des Lebens zu erfassen und schließlich – nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten – wieder zum Ausgangspunkt, zur sogenannten Tonika zurückzukehren. Entspannung und Spannung stehen zu einander in engster Wechselbeziehung. Je ruhevoller, je vollständiger die Entspannung, desto gewaltiger die Spannungen, die im ihrem Grund möglich werden. Ja, nur durch die korrespondierende Entspannung, die ihr vorauszugehen hat, wird jede Art von Spannung erst möglich und kann sie wieder zurückfinden. Jedes greße tonale Musikwerk strömt deshalb, bei aller Erregung, die bis an die Grenze des für Menschen Faßlichen getrieben sein kann, eine tiefe und unerschütterliche Ruhe aus, die alles und jedes durchdringt – wie eine Erinnerung an die Majestät Gottes.

Diese „Ruhe in der Bewegung“, wie man es definieren möchte – spezifische Eigenschaft der tonal-orientierten Musik – fehlt der atonalen. An Stelle der Kadenzspannung, die große Strekten zusammenzufassen imstande, ist, treten anlere Spannungen kleiner und kleinster Art. Eine Vielfalt nicht endenwollender Beweglichkeit, eine tiefe Rastlosigkeit hat die Musik ergriffen. Ruhe-Punkte, die natürlich im Wechsel des rhythnischen Geschehens auch vorhanden sein müssen, gibt es wenig, und wo sie auftreten, erscheinen die mehr als persönliche „Stimmungen“, denn als am Gesamtgeschehen notwendige, objektiv-wirkliche Entspannungen. In einer Musik ohne die Sesamtspannungen und Bindungen der Tonalität missen die kleinen Spannungen von Ton zu Ton den Ausfall ersetzen. Diese sind denn auch immer im Werk; „es geschieht“ außerordentlich viel in der nicht-tonalen Musik. Der rastlos motorische Charakter des Rhythmischen, – der vielen dieser Stücke den Anschein gibt als ob sie mehr am Wesen der toten, seelisch unbeweglichen Maschine teilhätten als an dem des lebendigen Menschen, nimmt zwar den Geist des Hörers im Moment völlig in Anspruch Wenn es aber vorbei ist, ragt man sich, was man eigentlich gehört habe; die große Synthese, der Sinn des Ganzen bleibt nur allzuoft aus. Die Fülle an Geist in den vielfältigen Kombinationen atonaler Musik ist zuteilen erstaunlich; sie steht als Intelligenzleistung unter Umständen außerordentlich hoch. Sie hat das aber – biologisch gesehen – zu bezahlen mit einem Mangel an vitalen Werten.

Eine weitere Eigenschaft, die nur der tonalbestimmten Musik zukommt, ist ihre Ortsbestimmtcit. Ich wies schon darauf hin, daß es im Wesen der Kadenz liegt, einen Weg zu durchschreiten, daß sie also einen Anfang, d. h. einen Ausgangspunkt, und ein Ende, d. h. einen Abschluß möglich macht. Das aber bringt mit sich, daß in einem wirklich tonal vollständig durchgefühlten Werk – auch in der rein tonalen Periode ist dies durchaus nicht alle Musik – der Hörer auch während des Weges, den er zu durchschreiten hat, immer weiß, wo er sich befindet und daß die Bestimmtheit der Orientierung während des ganzen Verlaufs des Stückes auch nicht einen Moment nachläßt. Dies ist eine höchst charakteristische Leistung der Tonalität und besonders erstaunlich, wenn sie sich auf große und größte Formen, zum Beispiel auf lange Sinfoniesätze (zum Beispiel Beethoven IX. Sinfonie, 1. Satz) ausdehnt. Diese Eigenschaft gibt – der tonalen Musik jene, ihr allein eigene Art von Bestimmtheit, die sie erst im eigentlichen Sinne unabhängig macht von allen Vorlagen äußerer Art, allem Abschildern der wirklichen Welt.

Auch diese Eigenschaft hat einen bestimmten biologischen Wert. Das Ortsgefühl, die Neigung, sich zur Orientierung in klare räumliche Beziehung zu seiner Umwelt zu setzen, das heißt zu „wissen“ wo man geht und steht, ist ein Grundgefühl organischen Lebens bei Tier und Mensch von frühester Jugend an. Diesem Gefühl Rechnung zu tragen ist die Musik, die auf die Tonalität verzichtet, nicht genügend imstande. Wenn sie nicht die wirkliche Welt Schäden oder sich am choreographischen oder dichterischen Geschehen emporrankt – alle sogenannte Programm-Musik entstammt bereits biologisch geschwächten Schaffensperioden – verliert sie einen nicht unbeträchtlichen Teil der Sicherheit und Klarheit der Aussprache. Da ihre Spannungen und Beziehungen sich von Ton zu Ton, also auf engem Kreis, abspielen – sie verzichten ja auf übergeordnete, der Welt der tonalen Kadenz zugehörende Spannungen – so ist auch die Orientierung auf die nächstunmittelbare Umgebung ausgerichtet.

– An der Hand des atonalen Musikers geht man daher wie durch einen dichten Wald. Am Wege ziehen die merkwürdigsten Blumen und Pflanzen die Aufmerksamkeit an sich. Selber aber weiß man nicht, woher man kommt und wohin man geht. Ein Gefühl der Verlorenheit, des Ausgeliefertseins an die Macht elementaren Seins ergreift eben den Hörer. Es ist als ob der atonale Musiker auf die Persönlichkeit des Hören als selbständiges Ich nicht allzuviel Rücksicht nähme: dieser sieht sich einer übermächtig-chaotischen Welt gegenüber. Freilich ist nicht zu leugnen, daß hiermit ein bestimmter Ton im Lebensgefühl des modernen Menschen angeschlagen ist!