Der 62jährige Robert Schuman wächst immer mehr in die Rolle eines Europäers hinein. Aber im Gegensatz zu seinem Vorgänger nach dem ersten Weltkrieg, dem brillanten Redner Aristide Briand, packt er die Probleme sachlich und nüchtern an, verzichtet er in seinem Trockenen, unpathetischen Stil auf rhetorische Erfolge. Europa war auch das Gesprächsthema beim Treffen mit Bevin in London, wie bei dem vorhergegangenen Zusammensein mit dem Grafen Sforza in Cannes, Es ging aber dabei leider mehr um die Führung in Europa als um Europa mehr Schuman sieht die Chancen, die sich Frankreich bieten, weil weite Kreise in Europa und in den USA die gehemmte Europapolitik Großbritan-USA immer kritischer betrachten. Die Formel der französischenPresse: Großbritannien verrät Europa, ist in den USA aufgegriffen worden, wo außerdem die Palästinapolitik und die wachsende Konkurrenz der britischen Industrie die antienglische Stimmung haben anschwellen lassen. Frankreich hätte heute ein leichtes Spiel im Ringen um die Gunst Washingtons, wenn wirtschaftlich stärker wäre und seine Finanzen in Ordnung gebracht hätte, wenn die kommunistische Gefahr gebannt wäre und die deutsche Frage nicht bestünde.

Frankreichs Chance, in einer europäischen Föderation die Führung zu übernehmen, erhöhte sich wesentlich, als die Verständigung mit Italien gelang. Bevin hat sich hierdurch jedoch nicht beeindrucken lassen. Er hat die Bremse kaum gelockert, die er als Antwort auf das Abkommen von Cannes scharf angezogen hatte. Zwar wird Schuman kaum erwartet haben, daß Großbritannien auf die Führerrolle in Europa verziehet, wohl aber, daß es die französischen Vorschlage eines europäischen Parlamentes annehmen werde. Nach dem Treffen mit Bevin aber sprach Schuman nur von einem Kompromiß zwischen einen europäischen Ministerrat und einem beratenden Parlament. Das Kommuniqué tröstet die Kreise, die ein neues Europa wünschen, mit der Feststellung, daß der Zweck der Besprechungen nicht gewesen sei, Entscheidungen zu treffen. Man habe nur im Geiste der aufrichtigen Freundschaft einen ins einzelne gehenden Meinungsaustausch über alle laufenden Probleme gehabt, insbesondere über Deutschland, die Europaische Union, das Mittelmeer, den Nahen Osten, Südostasien und den Fernen Osten. Es war eine Reise um die Welt in 48 Stunden. Entscheidungen waren wohl auch um so weniger zu erwarten, als erhebliche Meinungsverschiedenheiten bestehen und von einer entente cordiale seit 1940 kaum mehr die Rede sein kann. Nach dem Kriege hatten sich beide Länder. trotz des Bündnisses von Dünkirchen immer mehr auseinander gelebt. Seit einigen Wochen jedoch verstärkte sich auf beiden Seiten der Wunsch nach einer Verständigung und der Wille zu einem Entgegenkommen. Das Ruhrstatut war der erste Niederschlag dieser Bemühungen. Das londoner Gespräch brachte als weitere Etappe eine Einigung über strittige Fragen des Besatzungsstatuts. Uns allerdings klingt die Erklärung Schumans, daß bei der Bekanntgabe des Besatzungsstatuts und auch des Friedensvertrages eine ähnliche Reaktion der deutschen Öffentlichkeit zu erwarten sei wie bei der Verkündung des Ruhrstatuts, wenig, hoffnungsvoll. Schumans Haltung gegenüber Deutschland ist leider zwiespältig. Als Lothringer, weiß er, daß Frankreich und Europa ohne die westdeutsche Wirtschaft nicht gesunden können, als Europäer verkündet er, daß die Eingliederung aller europäischen Staaten in die europäische Föderation das Ziel sei, aber, als Franzose fügt er hinzu, daß für eine gleiche Behandlung aller die Zeit noch nicht gekommen sei. Er fürchtet sogar, daß deutsche Politiker auf die Uneinigkeit der Allierten spekulieren könnten. Die Zufriedenheit Schumans mit dem Londoner Ergebnis wird daher vielfach dahin ausgelegt, daß Frankreich seine Sicherheitsansprüche durch das Ruhrstatut, den militärischen Sicherheitsausschuf und das Besatzungsstatut erfüllt sehe.

In den anderen Fragen war eine Lösung nicht so leicht möglich, weil sie nicht zu Lasten Dritter gehet konnte.-Die für Frankreich so schwerwiegenden wirtschaftlichen Fragen wurden nicht einmal auf die Tagesordnung gesetzt. Für seinen neuer Freund Italien hat Frankreich wohl wenig erreichen können. Rom kann aus den bisherigen Verlautbarungen kaum den Schluß ziehen, daß Großbritannien den Plan aufgegeben habe, in den nordafrikanischen Kolonien Italiens einen arabischen Staat unter englischem Schutz zu errichten. Wenn Schuman in der ihm eigenen Nüchternheit nach seiner Rückkehr nach Paris auf den Gedanken kommen sollte, Bilanz zu ziehen dann wäre für ihn vielleicht die Frage angebracht, ob Briands Politik nicht daran gescheitert sein könnte, daß ihm der Mut zu einer europäischen Coswig der deutsch-französischen Frage gefehlt hat. W. G.