Nur einer könnte sagen, warum die „graue Eminenz“ Washingtons aus dem Halbdunkel der Kulissen heraus wieder auf die in grelles Licht getauchte Bühne der Weltpolitik getreten ist. Und doch erwartet niemand von ihm eine Antwort. Denn Dean Gooderham Acheson, Amerikas neuer Außenminister, pflegt seit jeher die Beweggründe für seine politischen Entscheidungen für sich zu behalten.

Der elegante, hochgewachsene Rechtanwalt mit dem gepflegten und der sanften Stimme ist ein hervorragender Diplomat. Der Destroyer-Deal 1940, das Pacht- und Leihgesetz, die Zweizonenverschmelzung in Deutschland, der Baruchplan und schießlich Marshalls berühmte Rede in Harvard entsprangen, wenn nicht ganz, so doch weitgehend seinem Kopf. Sein Intellekt, sagt man, arbeitet gleich einem Florett, schnell und, wenn es not tut, mit gefährlicher Präzision. Noch niemals ließ sich der 56jährige dank seiner bestechenden Auffasungsgabe auf einer tour d`horizont, bei einer Pressekonferenz oder in einer Verhandlung von seinem Gegner in eine ausweglose Situation manövrieren. Sarkasmus, Liebenswürdigkeit und Zähigkeit halten sich bei ihm die Waage. „The Dean“,wie seine Freunde ihn wegen eines, bei aller saloppen Distinguiertheit nicht zu übersehenden klerikalen Zuges nennen, wirkt auf den ersten Blick als ein Repräsentant angelsächsischer Tradition und Erziehung. Und in der Tat bestehen seine Bindungen zu „Old England“ nicht nur in seiner Vorliebe für Londoner Schneider, graue Tweedanzüge und in seinen stets besonders engen Beziehungen zur britischen Botschaft. Amerikas Außenminister ist englischer Abstammung und seine Eltern waren noch Einwanderer.

Als Sohn eines protestantischen Neuengland-Bischofs, und einer nicht unbegüterten Mutter absolvierte er, nach einem kurzen Zwischenspiel bei der Navy während des ersten Weltkrieges, die klassischen Bildungsstätten Amerikas, Yale und Harvard, mit Auszeichnung, und hätte wahrscheinlich als eines der begabtesten „Frankfurter Würstchen“ – der Studenten des juristischen Seminars Felix Frankfurters – seine Laufbahn im Obersten Gerichtshof der USA abgeschlossen, wenn nicht auch er dem großen Seelenfänger Roosevelt in die Arme gelaufen wäre. F. D. R., der in ihm viel von seinem eigenen „easy charm“ wiederfand, zog ihn auf das politische Geleise. Doch selbst der Präsident konnte den kritischen Geist des jungen Acheson gegenüber allen Ideologien, jedem Autokratismus, ja sogar gegenüber dem New Deal nicht ausschalten, und als sich Marshall 1947 bei seinem Dienstantritt bemühte, militärische Zucht in die nachlässig selbstbewußte Atmosphäre des State Department zu bringen, mußte er eines Tages hören, wie Acheson zu einem Kollegen seufzend sagte: „Jetzt habe ich eingesehen, warum die meisten früheren Mitarbeiter Marshalls Magengeschwüre haben“. Kurz darauf trat er das dritte Mal zurück.

Acheson ist innerhalb der letzten fünf Jahre der fünfte Secretary of State, dem sich Molotow gegenübersteht. Aber niemand weiß besser als der sowjetische Außenminister, daß er es dieses Mal mit einem Gegenspieler zu tun hat, der nicht nur als erstes amerikanisches Regierungsmitglied die sowjetische Politik als aggressiv und expansiomistisch“ bezeichnet hat, sondern der als zeitweiliger Stellvertreter aller seiner vier Vorgänger von Anfang an als einer der besten Kenner des amerikanischen Außenamtes und der sowjetischen Politik gelten muß. Marshall, der General, soll, wie jetzt bekannt wurde, Acheson, den Diplomaten, selbst zu seinem Nachfolger vorgeschlagen haben. Ein grundsätzlicher Kurswechsel der USA-Außenpolitik ist, darüber waren sich informierte Beobachter schon vorher einig, also nicht zu erwarten. Das Schiff des State Department dürfte lediglich, mit weniger kräftigen Ruderschlägen, aber dafür mit einer größeren Wendigkeit von Acheron durch den west-östlichen Acherongelenkt werden. C. K.