Von Erich Stolt

Im Zusammenhang mit den Erörterungen um die Reform der Sozialversicherung ist wieder die alte Frage aufgeworfen worden, ob es richtig ist, daß der Angestellte ein Arbeitsentgelt erhält, das im Durchschnitt höher ist als das des Arbeiters, daß er einen günstigeren Kündigungsschutz genießt, längeren Urlaub hat, während einer Krankheit für längere Zeit von Gesetzes wegen sein Gehalt bekommt und eine besondere Rentenversicherung besitzt. Diese Frage wird nicht nur bei den Industriegewerkschaften erörtert, in denen der alte klassenkämpferische Geist der früheren marxistischen Verbände noch nicht ganz ausgerottet ist, sondern auch im Kreise Von Arbeitgebervertretern, die sich um eine gerechte – Lösung der sozialen Frage bemühen.

Wer ist eigentlich Angestellter? Juristisch ist die Frage nur mit der Feststellung zu beantworten: Angestellter ist, wer nach § 1 des Angestellt. tenversicherungsgesetzes der Angestelltenversicherung unterliegt. Dieser Paragraph muß sich damit begnügen, eine Anzahl Berufsgruppen aufzuzählen, die ohne weitere Definition einfach als Angestellte bezeichnet, werden. Eine Verordnung gibt zur Ergänzung dazu einen seitenlangen Katalog von Berufsgruppen, die als Angestellte gelten. Daneben entscheiden die Versicherungsbehörden in ständiger Rechtsprechung, welche weiteren Berufsgruppen neuerdings als berechtigt anzusehen sind, in der Kategorie Angestellte zu rangieren. Trotz des Bestrebens, einheitliche Industriegewerkschaften zu bilden, sind in allen Zonen besondere Angestellten-Gewerkschaften entstanden. Bei dem Streit um Organisationsgrundsätze in den Einheitsgewerkschaften setzen sich die Angestellten aller Parteirichtungen verbissen für die Selbständigkeit ihrer Gründungen ein. Hierbeisind nicht etwa nur gesellschaftliche Vorteile entscheidend. Vielmehr besteht offensichtlich eine Gruppe von unselbständigen Arbeitnehmern, in deren Tätigkeit die geistige Arbeit überwiegt, deren Funktion mehr oder weniger lenkend, planend oder leitend, deren soziologische Stellung gewissermaßen mittelständlerisch ist, also eine Aufstiegsgruppe zwischen dem Handarbeiter und dem Unternehmer. Den Kern dieser Gruppe und die größte Zahl ihrer Angehörigen stellen die unselbständigen Kaufleute. Sie wird aber stark mitbestimmt durch angestellte Techniker, Ingenieure und Werkmeister. In der jüngsten Zeit hat sie einen wesentlichen Zuwachs durch die in der öffentlichen Verwaltung Tätigen erhalten.

Die Abgrenzung des Personenkreises im Angestelltenversicherungsgesetz entspricht nicht mehr – der soziologischen Entwicklung! Er ist durch die gewaltige Steigerung des Anteils der Verwaltung in der modernen Wirtschaft und dem heutigen Gemeinwesen ungeheuer aufgebläht. Ein mißverstandenes gesellschaftliches Geltungsbedürfnis hat den unberechtigten Drang geschaffen, auch dazuzugehören. Aber durch den Einbruch der Arbeitsteilung auch in den kaufmännischen und staatlichen Betrieb sind die Tätigkeiten mancher Angestelltengruppen so sehr mechanisiert worden. daß bei ihnen der Anteil geistiger Energie an der Arbeit stark zurückgetreten ist und von einer lenkenden, planenden oder gar leitenden Funktion nicht mehr die Rede sein kann. Diese Gruppen stehen zweifelsohne dem Handarbeiter gleich. Andererseits ist bei einzelnen Arbeiter- – gruppen das Berechnen und Planen so umfangreich geworden, ihre Bedeutung im Werkgefüge“ – und in der Gesamtheit der Wirtschaft – so gewachsen, daß sie gerechterweise; in jene Mittelschicht, die jetzt so unvollkommen mit dem Begriff Angestellte bezeichnet wird, einbezogen werden müßten. Solchen sozialen Entwicklungen und Umschichtungen muß Rechnung getragen werden.

Die Feststellung, daß es in der Arbeitnehmerschaft eine Gruppe gibt, die sich aus der Schicht der nur Ausführenden und im wesentlichen Handarbeit Leistenden heraushebt, will keinen Standesdünkel fördern, sie wird lediglich der Wirklichkeit gerecht. Auch in der Wirtschaft differenzieren sich die Funktionen und stufen sich, die Aufgaben. Der Arbeiter erkennt das an, so-, – fern er nicht politisch irregeleitet ist. Die Schicht, die der Begriff Angestellte umschließt, ist für ihn oder zumindest für seine Nachkommen lange Zeit eine Stufe zum sozialen Aufstieg gewesen und ist es wohl heute noch.

Die Angestellten sind ein Teil des Mittelstandes, der für das deutsche politische Leben bis zur nationalsozialistischen Verirrung stets ein wichtiger Faktor gewesen ist. Daß sie vielfach der nationalsozialistischen Verlockung verfielen, war eine Folge der Bedienung, zermahlen zu werden: zwischen unsozialer Arbeitgeberpolitik sowie der nivellierenden Wirkung von Inflation und Wirtschaftskrisen auf der einen Seite, und einer öden Klassenideologie des sogenannten Proletariats auf der anderen Seite. Auch in der Wirtschaft ist das Vorhandensein einer nicht zu schmalen Mittelschicht notwendig. Zumindest gilt das für deutsche Verhältnisse, die sich insofern von denen der Nachbarländer unterscheiden, als dort die Gegensätze Arm und Reich, Arbeitnehmer und Arbeitgeber unvermittelter, nebeneinander stehen.

Man muß vor jener gutgemeinten Einstellung warnen, die aus dem Bemühen, dem Arbeiter gerecht zu werden, die realen Schichtungen im Arbeitsgefüge nivellieren will. Und es wäre durchaus falsch, anzunehmen, das differenzierte Sozialrecht für Angestellte und Arbeiter werde ein ernstes Problem des Arbeitsfriedens und der Ar- – beitsstimmung in den Betrieben und darüber hinaus zu einem neuen Klassenproblem. Die wirtschaftliche Entwicklung in der vergangenen Zeit hat die früher weit größeren Unterschiede in der Lebensführung der Angehörigen beider Gruppen weitgehend ausgeglichen. Von akademischen Betrachtern kann oft in das unmittelbare Miteinander von Arbeitern und Angestellten im Betriebe ein Gegensatz hineintheoretisiert werden Wo Gegensätze bestehen, stammen sie aus menschgehen Unzulänglichkeiten. Da, wo der Angestellte seine Leistungsbefugnis im Unteroffizierston äußert, fordert er selbstverständlich eine Gegenwehr heraus, aber wie die Mehrheit der Angestellten nicht der Dünkelhaftigkeit oder des Despotismus geziehen werden kann, so kann der Arbeiterschaft nicht nachgesagt werden, sie blicke voll Ressentiment oder Neid auf die Angestellten. Es ist hier, wie überall, falsch, zu verallgemeinern. Auf jeden Fall ist dringend davor zu warnen, im sozialen Gefüge aus falsch verstandenem Gerechtigkeitsgefühl and irregeleitetem Streben nach Solidarität Schichtungen zu verwischen, die im Wesen des Wirtschafts- und Gesellschaftsaufbaues begründet und für ein harmonisches Zusammen wirken unentbehrlich sind.