Die Schweden, seine Landsleute, haben August Strindberg nie so hoch geschätzt, wie es dem Range entsprochen hätte, der ihm im Ausland, besonders in Deutschland – wenn auch nur vorübergehend – Zuerkannt wurde. Der friedlose Haderer, der Empörer und Entlarver, der Kritiker und Zertrümmerer anerkannter Ordnungen und Werte, aber auch der Krankende an Zeit und Welt und der schuldbewußte Büßer – alle diese seine vielen Gestalten, in die er sich in unberechenbarem Wechsel verwandelte, stießen das lebensstarke, gesunde und diesseitsfrohe Volk ab, dem er entstammte. Nicht einmal die Synthese von Sozialismus und Frömmigkeit, die er sich zuletzt mehr erzwungen als errungen hatte, vermochte, es mit dem Vorangegangenen zu versöhnen. Vor allem seine besondere Art der Frauenverehrung, die infolge übersteigerter Erwartungen in Haß und Verachtung umschlug, blieb unverstanden und unpopulär. Mit Abneigung gemischter Respekt ist wohl das höchste der Gefühle, die ihm sein Volk entgegenzubringen geneigt ist.

Und doch ist dieser vulkanische Kopf eine der mächtigsten Erscheinungen nicht nur – Schwedens, sondern der Welt gewesen. Gewiß, das Bleibende, das Dauerwertige, das er geschaffen hat, steht hart neben einer Fülle von Irrtümern. Absurditäten und Nihilismen. Aber das rührt daher, daß Strindberg so bewußt und Notwendig wie wenige seiner Epoche das ganze Inferno einer aus den Fugen geratenen Welt durchschritten und durchlitten hat. Die geistige Trümmerwelt, als deren unausbleibliche Bestätigung die physische heute jedem sichtbar geworden ist, hat er früher und stärker als andere erkannt und an sich, in sich selbst erlebt. Seinem Leiden, seinem Kranken ist das eigentliche Werk, das dichterische Schaffen abgerungen. Der Friedlose fand seinen Frieden in der Kunst; und diese Kunst war ein Spiegelbild der geistigen Situation der Zeit.

Als Erich Ziegel 1915 in den Münchener Kammerspielen das Signal zur Strindberg-Offensive gab, war der Dichter schon drei Jahre tot. Von München aus aber ging nun eine riesige Woge des Strindberg-Kults durch Deutschland. Ihre Kraft erlahmte erst viele Jahre nach dem ersten Kriege – als die Deutschen sich anschickten, das „Heidentum“ um jeden Preis und die Lust des „gefährlichen Lebens“ zu entdecken und weniger einfach als primitiv zu werdet. Bis dahin gehören Strindbergs Dramen – besonders die „Kamrnerspiele“, das „Traumspiel“, „Nach Damaskus“, die Märchenspiele und die besten der historischen Dramen – zum festen Bestand der deutschen Theaterspielpläne. Auch die gesellschaftskritiscien Romane und die Bände der Selbstbiographie wurden allerorts gelesen. Was diese tiefe Wirkung verursachte, war: Strindberg hatte eine neue Art, die Welt und das Leben zu sehen gelehrt und gestaltet Die Unwirklichkeit des Wirklichen und die Wirklichkeit des Unwirklichen durchdringen sich in seiner dramatischen Dichtung und ihrem szenischen Stil. Er ist der erste – und bislang zweifellos bedeutendste – Meister des expressionistischen, ja, des surrealistischen Theaters. Was alles unter diesem Zeichen seither über die Bühnen der Erde geht, hat in August Strindberg seinen legitimen Ahnen. Daß sein individuelles Hauptanliegen, sein „Thema“, sein „Stoff“ inzwischen aus der Mode, gekommen ist (das heißt nicht ohne weiteres: außer Geltung), ließ seine Werke wieder in den Hintergrund treten. Nur darum erscheint einer jüngeren Generation heute manches so neu und überraschend: weil die schöpferische Quelle nicht mehr so allgemein bekannt, nicht mehr so sichtbar ist.

in allem möglichen mag Strindberg heute wirklich „überwunden“ sein. Als einer der größten und originellsten Dramatiker, als Theaterdichter von visionärer Gewalt wird er weiterleben, solange überhaupt geistige Ereignisse nicht von den „realen“ völlig verschlungen und unter ihnen begraben sind. -th