Sowjetische Spione im State Department

Von Claus Jacòbi

Die „Affäre Alger Hiss“ hat viel Staub aufgewirbelt. Er stieg in einer Wolke aus einem ausgehöhlten Kürbis im Staate Maryland. Ein Mann erstickte fast an ihm und stürzte aus dem Fenster in den Tod; ein anderer, den man in halb erfrorenem Zustand auffand, trug ihn an den Sduhen. Er drang in den Gerichtssaal in New York und in das Mausoleum eines großen Präsidenten, ins State Department und ins Weiße Haus; verwandelte eine Quäkerin in eine femme fatale und blieb an mancher blütenweißen Diplomatenweste hatten.

Dabei fing, es ganz harmlos an: an einem schwülen Augusttag vergangenen Jahres erschien in den nüchternen Amtsräumen des „Komitees für unamerikanische Umtriebe“ ein ebenso nüchterner, wohlbeleibter Siebenundvierziger, tupfte sich mit einem seidenen Tuch die Stirn und fing an eine Geschichte zum besten zu geben. Eine Geschichte, die er schon fünfmal in den Jahren 1939 bis 1942 hohen Mitgliedern der USA-Regierung erzählt hätte. Doch war sie damals fünfmal ignoriert worden – heute verfing sie. Er, der Timc-Redakteur Whittacker Chambers, so begann der Mann seinen Bericht, sei acht Jahre lang Kurier eines sowjetischen Spionageringes in den USA gewesen, dessen Ziel es war, kommunistische Agenten in Schlüsselpositionen des amerikanischen Staatsdienstes einzuschmuggeln. Seine spezielle Aufgabe hatte darin bestanden, Photokopien von Papieren und Informationen aus der Hauptstadt sowjetischen Stellen in New York zu übermitteln. Er beschuldige den ehemaligen hohen Beamten im State Department, Alger Hiss, ihm Geheimdokumente über die amerikanische Außenpolitik zur Weitergabe an Moskau ausgehändigt zu haben. Sein Ansinnen, 1938 zugleich mit ihm, Whittacker Chambers, der kommu-Witschen Partei den Rücken zu kehren, wäre von Alger Hiss damals mit Tränen in den Augen abgelernt worden. Soweit Whittacker Chambers.

Hiss stritt alles ab, und rief die Jury an. Chambers wiederholte seine Behauptungen in einer Rundfunkrede und versprach, Beweise zu beschaffen. Anfang Dezember fuhr er mit einer Abordnung des „Komitees für unamerikanische Umtriebe“ Auf seine Farm im Staate Maryland. Nächtlicherweise führte er seine Besucher in eine Scheune vor einen ausgehöhlten Kürbis. Eine Serie Mikrofilme mit Aufnahmen von 65 streng geheimen Staatspapieren, die Chambers 1938 von Alger Hiss erhalten haben will, kam daraus ans Licht. Der Stein war ins Rollen gekommen...

Die Kürbisdokumente beherrschten die Schlagzeilen der Presse – bis zu jenem ersten Abend der Weihnachtswoche, an dem in der 45. Straße Manhattans der Körper Laurence Duggans auf einem schmutzigen Schneehaufen unter den Fenstern seines Büros im 16. Stock dumpf aufschlug. Unfall, Selbstmord oder Mord? Der ehemalige Abteilungsleiter für Lateinamerika im State Department mit dem gebrochenen Rückgrat konnte keine Antwort mehr geben; das F. B. I. weiß sie bis heute nicht. Doch schon wenige Stunden später erklärte auf einer mitternächtlichen Pressekonferenz in Washington das republikanische Mitglied des „Komitees für unamerikanische Umtriebe“ Karl E. Mundt, Laurence Duggan sei – gleich Alger Hiss einer der Informatoren Whittacker Chambers gewesen. Mag dies stimmen, oder, wie von führenden New Dealern sofort behauptet wurde, „purer Unsinn“ sein. Auf jeden Fall ist Laurence Duggan nach dem ehemaligen Assistenten des Schatzamtes, Harry Dexter White-, der einen Herzschlag erlitt und Wolter Marvin Smith, der sich von der Balustrade des Justice Department stürzte, der dritte prominente. Tote des vergangenen Jahres, dessen Name im Zusammenhang mit der kommunistischen Spionage in USA genannt worden war. Und auch seine Verbindungen zu Alger Hiss können von niemandem geleugnet werden. Duggan war mit ihm befreundet, gleich ihm hatte er Unter Roosevelt seine Karriere im State Department gemacht, gleich ihm trat er im letzten Kriegsjahr zurück- und gleich ihm nahm er bis zu seinem Tode eine führende und gut bezahlte Stellung im Institut der Carnegie-Friedensstiftung ein. Auf die Frage eines Reporters nach den übrigen Namen der angeblichen Informatoren von Whittacker Chamher aber antwortete Mundt: „Wir, werden sie bekanntgeben, sobald sie aus dem Fenster gesprungen sind.“ Der Stein,/den die Kürbisdokumente ins Rollen gebracht hatten, rollte weiter.

Drei Tage nach dem Begräbnis Duggans fanden Kirchgänger etwa eine Meile südlich der Stadt-> grenze Washingtons eine große, grauhaarige Gestalt ohne Kopfbedeckung und fast erfroren auf einem einsamen Feld neben der Straße nach Oxon Hill. Sumner Welles hatte anscheinend bei einem nächtlichen Spaziergang einen Schlaganfall erlitten. Das Dienstpersonal sagte aus, der Tod seines früheren Assistenten Duggan habe den sechsundfünfzigjährigen außerordentlich aufgeregt. Es war nicht das erstemal, daß der (Name des ehemaligen Unterstaatssekretärs im Fall Alger Hiss auftauchte. Er hatte; gleich zu Anfang den Verdacht geäußert, daß die Sowjetunion an Hand der auf den Mikrofilmen photokopierten Dokumente in Besitz des Codes des amerikanischen State Department gelangt sein könne. Eine Äußerung, die den Washingtoner Korrespondenten der Neuen Zürcher Zeitung zu der bissigen Bemerkung veranlaßte „Manche stellen sich offenbar vor, dies müsse Stalin bis in die jüngste Zeit ermöglicht haben, die geheimsten amerikanischen Staatspapiere täglich zum Frühstück zu lesen“. Unterstaatssekretär Lovett sah sich genötigt, trocken zu bemerken, daß die USA-Codes in den letzten zehn Jahren wiederholt gewechselt hätten.