Vor 1945 hatte man die Haare militärisch kurz getragen. Nach 1945 verfiel man ins andere Extrem und ließ sie über den Kragen hängen. Ähnlich war es mit der Redelust: hatte man vor 1945 meist den Mund gehalten, wurde nach 1945 Diskussion die große Mode. Jeder, der etwas auf sich hielt, diskutierte. Von fünf Bekannten, die man nach dem Kriege wiedertraf, waren drei Mitglieder irgendeines Diskussionsklubs, der vierte gehörte zwei Klubs an – einem sogar als Schrift-Führer – und der fünfte war gerade im Begriff, einer Diskussionsgruppe beizutreten und wußte nur noch nicht recht, welcher-

Es gab deren verschiedene: solche mit Protektion der jeweiligen Besatzungsmacht und solche ohne. Bei den einen gab es; gewöhnlich ein bis zwei Engländer, Amerikaner oder Franzosen, dazu Tee mit Sandwiches und Zigaretten und ein gelindes Mißtrauen, während man, bei den andern eine Zigarette nach der andern brüderlich herumreichte und sich unabhängig fühlte; sonst unterschieden sie sich eigentlich nicht.

Man führte Protokoll, man wählte einen Diskussionsleiter, man ließ das Abendland untergehen und rettete die Jugend, man einigte sich über Europa und veruneinigte sich über die Kollektivschuld, man machte wieder gut, und fand in den Gebrüdern Grimm und den standhaften Zinnsoldaten die Hauptschuldigen des zweiten Weltkrieges; man fand heraus, daß „die Deutschen“ eine ziemlich üble Gesellschaft sein müßten und daß es an der Zeit sei, „die; Deutschen“ endlich dieses und jenes zu lehren. Kurzum, die Protokolle dieser Diskussionen werden; dereinst für die Nachwelt eine Enzyklopädie dessen sein, was in jener Zeit so in unsern Köpfen umging, wenn wir zusammenkamen, um etwas Kluges zu sagen. Ich kann mir auch keinen andern Grund denken, warum sie sonst wohl geführt wurden denn sub specie aeternitatis verdienten es die Früchte jener Diskussionen eigentlich nicht, eingeweckt zu werden.

Es muß auch damals Leute gegeben haben, die von Beruf Diskussionsredner – oder wie es sonst heißen mag – waren; man konnte in jeder Diskussion damit rechnen, sie wie die Stehaufmännchen emporschnellen zu sehen, um – am rechten Platz eine Fülle unrechter Worte zu sagen. Lästige, aber durch ihren Eifer liebenswerte Geschöpfe, die in rührender Weise bereit waren, nur, mit einer Laubsäge bewaffnet, an den Wiederaufbau Europas zu gehen.

Aber schön war es trotz allem, damals beim Diskutieren. Man stritt sich herrlich herum; spielte souverän mit den schwierigsten Begriffen und war sich grenzenlos einig in der Freude darüber, ganz uneinig sein zu dürfen. Man fand sich gegenseitig nett und prächtig, schlug sich im konkreten und übertragenen Sinne auf die Schultern und stellte erfreut und verwundert fest, daß es auch Kommunisten mit sauberen Fingernägeln und Christen mit Vorliebe für Scotch Wisky gibt. Alles in allem machten sich herrliche Seid-umschlungen-Millionen-Gefühle breit. Auch war es ein Trost, in einer Zeit, in der man nicht mehr mit der veränderten Welt Bescheid wußte, festzustellen, daß die andern im Grunde genau sowenig damit anfangen konnten.

Inzwischen aber sind die langen Haare wieder abgeschnitten, ein paar Jahre sind vergangen, weit mehr als ein paar Diskussionsklubs dazu und die Seid-umschlungen-Millionen-Gefühle in ihrer Gesamtheit. Die Leute, die zum Spaß diskutierten, sind inzwischen längst bei irgendwelchen anderen Arten der Freizeitgestaltung gelandet auch ist die Freizeit knapper bemessen als 1945 – und übrig geblieben sind die mit dem Bierernst. Eine große Anzahl steht wieder: auf einem festen Punkt und ist mit aufgekrempelten Ärmeln bereit, die Welt aus ihren Angeln zu heben – die Welt der andern nämlich. Man hat sich genau, orientiert, wohin oder besser wozu man gehört und hat dabei die lobenswerte Erkenntnis von 1945 vergessen, daß nicht jeder anders Orientierte unbedingt ein kompletter Idiot oder ein gemeingefährlicher Schurke sein muß.

Tee, Sandwichs und die gemeinsame Zigarette sind aus den Diskussionen verschwunden. Vielleicht ist das der Hauptfehler: Wenn man, wie es so schön heißt, „alle Parteien an einen Tisch bringt“, ist dieser Tisch kahl und leer, bestenfalls mit ein paar Notizblättern belegt, deren Papier so schlecht ist, daß man noch nicht einmal Männchen darauf malen kann. Das Gesellige ist einer Atmosphäre des Dienstlichen gewichen, denn fast jeder Teilnehmer wird zur größeren Ehre von irgend jemand oder irgendetwas an diesen leeren Tisch geschickt, als Streiter für ein alleinseligmachendes Gute, Jeder Mensch zeigt sich von Natur aus zur Bösartigkeit geneigte wenn er an einen leeren Tisch geschickt wird: Zudem ist man gezwungen, sehr netten Leuten von vornherein böse zu sein, was sie auch sagen werden, und wenig netten Leuten zuzustimmen, die an sich unrecht haben oder vielleicht auch bloß jenseits von Gut und Böse lediglich quatschen – eine besonders verbreitete Form der Diskussionsrede –, weil die einen dem falschen und die andern dem richtigen, Irgendetwas angehören. Denn, wenn man sich auch noch über die Notwendigkeit des Fraktionszwangs in Parlamenten streitet, über die Notwendigkeit des Fraktionszwangs in Diskussionen ist man sich mit großer Stimmenmehrheit inzwischen einig geworden. Wer noch als unentschiedener Wanderer zwischen den Welten hin- und herpendelt, wird an die jeweils gegenüberliegende Mauer gequetscht, denn „für irgend etwas muß sich ja schließlich jeder entscheiden...“