Daß man Parfüm mixen kann wie Cocktails und Drinks ist eine neue Variation in der recht umfangreichen Geschichte der Kosmetik. Die Frauen haben Sich zu allen Zeiten geschminkt, gepudert und parfümiert – die alten Ägypter schon brachten es da zu einem erstaunlich hohen Niveau, und bei den Griechen zählt ein so ernsthafter Mann wie Aristoteles die „wohlriechenden Düfte“, mit denen sich sowohl „die verheirateten Frauen als auch die Mädchen behaften“, zu den notwendigen Dingen der „Hauswirtschaft“.

In Hamburg nun gibt es ein Geschäft, in dem jede Frau ihr Parfüm nach Maß erhält. Denn – so sagt sich der elegante junge Mann, der die Damen, wenn sie seine Räume betreten mit Scharm und Liebenswürdigkeit begrüßt – ist das Hauptübel unserer Zeit nicht die Vermassung? Jeder hat dieselben Ansichten, dieselben Sorgen, dieselben Krankheiten. Und wenn es heute schon jeder Dame passieren kann, daß ihr mitten auf dem Jungfernstieg in Hamburg die Schuhe nachdem Jedermann-Programm,die sie trägt, an den Füßen einer anderen begegnen, dieselben Handschuhe oder gar ein Mantel, der ihrem eigenen fast peinlich ähnlich sieht, so sollte sie wenigstens einmalig duften! Denn der Duft, der eine schöne Frau begleitet – wohl das Individuellste, was es überhaupt gibt –, kann leicht penetrant werden, und die Nasen der Menschen beleidigen, wenn es an allen Eckennach demselben Konfektionsparfüm riecht. Die Uniformierung des Geruchs, als der letzte Schrei des Dranges nach Vermassung und Totalisierung muß schon im Keime erstickt werden.

Der junge Mann hatte eine Idee: wenn eine Dame heute sein Geschäft betritt, so wird ihr Parfüm vom „verehrten Meister“ – so betiteln den – siegreichen Überwinder des Massengeruchs heute schon Frauenbriefe aus ganz Deutschland – erst zusammengestellt. Diese Zusammenstellung erfolgt ganz individuell nach den Wünschen der Kundin, die der Deister – meistens von ihr unbemerkt – ein wenig lenkt und dirigiert. Den blonden nordischen Typen empfiehlt er einen herben Geruch, alte Damen lieben den Veilchenduft oder den Geruch einer sommerlichen Wiese; viele jüngere Frauen versprechen sich mehr von einem berauschend süßen Parfüm, ohne den Wunsch danach frei auszusprechen. Sie kommen herein und sagen – weil sie doch sachliche Frauen von heute sind –: „Ich möchte etwas Herbes haben.“ Der Meister läßt sie wohlwollend an einer solchen Essenz riechen – nein, die ist ihnen zu herb. Er hält ihnen die nächste hin, aber auch die halten sie noch für zu streng. Dies Spiel wiederholt sich eine Weile, bis sie endlich bei einer Probe erklären: das ist gut, nicht süß, aber auch nicht zu herb. Der Meister mixt ihnen dann diskret lächelnd das ausgesuchte – ein ganz süßes Parfüm. „Die Hemmungen müssen erst fallen“, sagt er, wenn sie hinausgehen.

Dennoch: so ganz zufrieden ist der junge Mann mit den ersten praktischen Erfahrungen, die er mit seiner in die Tat umgesetzten Idee gemacht hat, nicht. Vor allem vermißt er bei seinen Kunden junge Mädchen. Sicherlich glauben sie, auch ohne „Duft nach Maß“ reizvoll und scharmant zu sein Oder es fehlt ihnen das Geld für diesen Duft, der, wie alle auf das Individuelle zugeschnittenen Dinge, ziemlich teuer ist. So besuchen den Duftspezialisten in Hamburg der über ein Laboratorium mit Essenzen und Fixiermitteln verfügt, die man heute in Deutschland selten findet, meistens ältere Damen, und den Wunsch nach dem Duft von Blumen, so wie ihn Frauen lieben, wenn sie nicht mehr ausschließlich alles in den Dienst des „Eros“ stellen, hat der junge Mann an der Alster am häufigsten zu erfüllen

P. H.